[KgK:] Internationaler Tag der Pflege: Kolleg:innen aller Berufe, vereinigt Euch!

Tra­di­tio­nell nut­zen Berufs­ver­bän­de und Gewerk­schaf­ten den Anlass für klei­ne­re Aktio­nen: Post­kar­ten oder Ent­hül­lungs­ar­ti­kel, die dann wie­der in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Der 12. Mai 2020 fiel jedoch in eine beson­de­re Zeit: Ganz Deutsch­land stand unter Schock durch die ers­te Pan­de­mie­wel­le und die Berich­te aus den Kli­ni­ken. Pfleger:innen wur­den mit Applaus, ihr All­tag mit media­ler Auf­merk­sam­keit über­schüt­tet. Eini­ge Pfle­ge­kräf­te wur­den sogar zu öffent­li­chen Figu­ren.

Von Jahr zu Jahr: Nicht aufgeben, streiken!

Heu­te aber – ein Jahr und vie­le Skan­da­le spä­ter – ist offen­sicht­lich, dass das noch lan­ge nicht genug war. So fin­det um 16 Uhr eine Kund­ge­bung vor dem Roten Rat­haus in Ber­lin statt. Hier wol­len die Beschäf­tig­ten der Cha­ri­té dem Senat eine Peti­ti­on über­rei­chen. Tau­sen­de Kolleg:innen haben sie unter­schrie­ben.

Sie kämp­fen nicht erst seit der Coro­na-Kri­se: 2015 wur­de an der Cha­ri­té erst­mals ein Tarif­ver­trag erstreikt, der eine Min­dest­be­set­zung fest­schrieb – damals wie heu­te eine Ein­zig­ar­tig­keit. Er inspi­rier­te die Beleg­schaf­ten Dut­zen­der wei­te­rer Kli­ni­ken in ganz Deutsch­land. Allein der Abschluss des Ver­tra­ges ver­lieh der Pfle­ge gro­ßes Selbst­be­wusst­sein.

Doch bis heu­te ist die­ser Tarif­ver­trag nicht umge­setzt wor­den. Nun ist ent­schei­dend, dass die Bewe­gung die rich­ti­gen Schlüs­se zieht: sie darf nicht den lan­gen Atem ver­lie­ren und muss den Druck auf die Kran­ken­haus­vor­stän­de immer wei­ter erhö­hen.

Hausgemachter Fachkräftemangel: Der Druck auf die Kliniken muss von allen Seiten kommen

Die Vor­stän­de von Vivan­tes und Cha­ri­té stel­len den Per­so­nal­man­gel als ein Pro­dukt höhe­rer Gewalt dar, an dem sie nichts ändern kön­nen. Den For­de­run­gen der Pfle­ge­kräf­te nach­zu­ge­hen wür­de angeb­lich bedeu­ten, Bet­ten zu redu­zie­ren und Patient:innen abzu­wei­sen. Aber was nüt­zen Bet­ten­ka­pa­zi­tä­ten, wenn nie­mand Zeit für die Patient:innen hat?

Fakt ist jedoch: Kli­nik­vor­stän­de kön­nen etwas für den Fach­kräf­te­man­gel! Zehn­tau­sen­de Kolleg:innen haben sich in den letz­ten Jah­ren aus dem öffent­li­chen Gesund­heits­sys­tem zurück­ge­zo­gen – auf­grund der Arbeits­be­din­gun­gen, der enor­men gesund­heit­li­chen und psy­chi­schen Belas­tung und der Igno­ranz der Kli­nik­lei­tun­gen bun­des­weit. Doch auch wenn der „Pfle­xit“ nicht in solch gro­ßem Stil den Fach­kräf­te­man­gel ver­stärkt hät­te, stün­den wir vor einem Pro­blem. Und das liegt bei den Aus­bil­dun­gen. An der Cha­ri­té und bei Vivan­tes wird aus­ge­bil­det. Wie über­all unter teil­wei­se extrem belas­ten­den Bedin­gun­gen. Aus­zu­bil­den­de müs­sen teil­wei­se weit über ihre Kom­pe­tenz hin­aus Ver­ant­wor­tung über­neh­men, Über­stun­den machen, chao­ti­sche Schul­lei­tun­gen mit schlech­ter Struk­tur ertra­gen und sich schon ein­mal an die schlech­te Bezah­lung gewöh­nen. Kein Wun­der, dass vie­le die Aus­bil­dung wie­der abbre­chen.

Im heu­ti­gen Kli­nik­all­tag müs­sen Pfle­ge­kräf­te neben der Ver­sor­gung von Patient:innen vie­le Auf­ga­ben über­neh­men, die nicht in der Stel­len­be­schrei­bung ste­hen. Dar­un­ter fal­len Rei­ni­gungs­auf­ga­ben, Orga­ni­sa­to­ri­sches, aber oft auch ärzt­li­che Auf­ga­ben – denn auch da wird ger­ne an Stel­len gespart. Man sieht: Wür­den mehr Men­schen zu guten Bedin­gun­gen als Rei­ni­gungs­kräf­te und Sta­ti­ons­hil­fen beschäf­tigt, sähe auch der All­tag der Pfle­ge anders aus. Das ist nicht die Lösung des Pro­blems, aber es hängt zusam­men.

Auch dies ver­deut­licht, wie wich­tig die sek­tor­über­grei­fen­de Soli­da­ri­tät ist. Um einen bes­se­ren Kli­nik-All­tag zu erkämp­fen, müs­sen alle Kolleg:innen im Kran­ken­haus­be­trieb zusam­men­hal­ten: ob Rei­ni­gungs­kraft oder Krankenpfleger:in, ob Elektriker:in, Ärzt:in oder Heb­am­me. Ein sinn­vol­ler Per­so­nal­schlüs­sel für den gesam­ten Kli­nik­be­trieb kann nur von einer gebün­del­ten Kraft durch­ge­setzt wer­den – einer Orga­ni­sa­ti­on, die es sich zum Ziel setzt, die Gestal­tung des Gesund­heits­sys­tems in die eige­ne Hand zu neh­men.

Eine Bewegung aller Arbeiter:innen – in Berlin und bundesweit

Denn es geht um weit mehr als nur ein paar zusätz­li­che Kolleg:innen oder Lohn­er­hö­hun­gen. Es geht um ein lebens­wer­tes Dasein: um eine Ver­tei­lung aller Res­sour­cen des Gesund­heits­sys­tems zum Wohl der Patient:innen und der Beleg­schaft. Es geht um den Zugang zu hoch­wer­ti­ger Behand­lung und Pfle­ge für alle, die sie benö­ti­gen. Wer soll ein gerech­tes Gesund­heits­sys­tem bes­ser gestal­ten kön­nen als die, die es ein Berufs­le­ben lang mit­er­le­ben? Der Kampf der Beschäf­tig­ten im Gesund­heits­we­sen ist ein Kampf für Gesund­heit aller.

Wir müs­sen die Bewe­gung, die in den Kran­ken­häu­sern ent­steht, als eine Bewe­gung aller Arbeiter:innen begrei­fen – sodass sie nicht nur in Wor­ten, son­dern auch in der Pra­xis zu einer ech­ten Macht her­an­wach­sen kann.

Politiker:innen und Medi­en wer­den zwar nie müde zu behaup­ten, dass Streiks in Kran­ken­häu­sern wäh­rend der Pan­de­mie ver­ant­wor­tungs­los sind. Aber genau das Gegen­teil ist der Fall: Wenn wir ver­hin­dern wol­len, dass mehr Pfleger:innen ihre Beru­fe auf­ge­ben und der Per­so­nal­not­stand noch dra­ma­ti­scher wird, müs­sen wir dafür strei­ken. Eine ande­re Spra­che ver­ste­hen die Poli­tik und die Kran­ken­haus­lei­tun­gen nicht. Wäh­rend sie uns mit war­men Wor­ten abspei­sen, berei­ten sie immer wie­der neue Ent­las­sungs­wel­len vor – aktu­ell zum Bei­spiel bei Sana. Die­se Dop­pel­mo­ral ist töd­lich.

Die Kran­ken­haus­be­we­gung darf nicht nur auf die Haupt­stadt beschränkt blei­ben. In jeder Stadt, in jeder Kli­nik muss sie sich orga­ni­sie­ren. Sie muss Berufs­grup­pen aus öffent­li­chen sowie pri­va­ten Sek­to­ren mobi­li­sie­ren. Die­ses kran­ke Sys­tem beschränkt sich nicht nur auf Kran­ken­häu­ser, son­dern umfasst die ambu­lan­te Pfle­ge, die Alten­pfle­ge, die Arbeit von Heil­be­ru­fen und Ärzt:innen. Und natür­lich alle, die out­ge­sourct, ein­ge­spart und ohne Tarif beschäf­tigt wer­den in den Küchen, in der Rei­ni­gung, in der Ste­ri­li­sa­ti­on und Tech­nik.

2015 tra­ten Cha­ri­té-Beschäf­tig­te für elf Tage in den Streik und setz­ten ihren Arbeit­ge­ber damit unter immensen Druck. Die Fol­ge war eine bun­des­wei­te Bewe­gung mit Streiks an etli­chen deut­schen Kran­ken­häu­sern. Dar­an müs­sen wir anknüp­fen. Wir sind vie­le. Und wir haben die Schnau­ze voll.

Zum Wei­ter­le­sen
[Dos­sier] Auf in einen hei­ßen Som­mer in der Pfle­ge!

Heu­te ist Inter­na­tio­na­ler Tag der Pfle­gen­den. Mit die­sem Dos­sier las­sen wir das ver­gan­ge­ne Pan­de­mie­jahr aus der Sicht der Pfle­ge Revue pas­sie­ren. Es könn­te für die Pfle­ge ein hei­ßer Som­mer wer­den.

Klas­se Gegen Klas­se