[ak:] Kriegsgeschenk

Der ost­je­ru­sa­le­mer Stadt­teil Sheikh Jar­rah war vor der Tei­lung der Stadt im Jahr 1948 ein gemischt ara­bisch-jüdi­sches Vier­tel, das erst Mit­te des 19. Jahr­hun­derts vor der Alt­stadt Jeru­sa­lems ent­stand. Wäh­rend sich hier mus­li­mi­sche und christ­li­che Araber*innen nie­der­ge­las­sen hat­ten, die in der beeng­ten Alt­stadt kei­nen Wohn­raum mehr fan­den, sie­del­ten sich eini­ge Jah­re spä­ter Jüdin­nen und Juden um das Grab von Shi­mon Ha Tzadik an. Die­ser hat­te im zwei­ten jüdi­schen Reich nach der Rück­kehr aus der baby­lo­ni­schen Gefan­gen­schaft eine wich­ti­ge poli­ti­sche und reli­giö­se Rol­le gespielt, was für eine Grup­pe ortho­do­xer Jüdin­nen und Juden Grund war, das Grab und das umge­ben­de Land auf­zu­kau­fen und sich ab 1875 dort nie­der­zu­las­sen. Das klei­ne jüdi­sche Vier­tel inner­halb Sheikh Jar­rahs wur­de über­wie­gend von frü­hen jüdi­schen Einwanderer*innen aus dem Jemen bewohnt, die bereits in den 1880er-Jah­ren nach Jeru­sa­lem gekom­men waren und schon damals zu den ärme­ren Bevöl­ke­rungs­schich­ten des Jischuv, also der jüdi­schen Bevöl­ke­rung Paläs­ti­nas, zähl­ten.

Mit dem israe­li­schen Unab­hän­gig­keits­krieg 1948 kam Sheikh Jar­rah als Teil Ost­je­ru­sa­lems unter jor­da­ni­sche Kon­trol­le. Im Zuge des Krie­ges kam es auf bei­den Sei­ten zu Ver­trei­bun­gen. Die jüdi­schen Bewohner*innen von Sheikh Jar­rah waren aller­dings, wie manch ande­re von Araber*innen umge­be­nen klei­ne­ren jüdi­schen Sied­lun­gen, noch von den Bri­ten zu ihrem Schutz aus ihren Häu­sern abge­sie­delt wor­den. Die jor­da­ni­schen Auto­ri­tä­ten, die nach der Erobe­rung der West­bank mit sehr vie­len geflüch­te­ten Palästinenser*innen aus den von den Israe­lis erober­ten Gebie­ten kon­fron­tiert waren und zugleich eine mög­li­che Rück­kehr von Jüdin­nen und Juden in die nun jor­da­ni­schen Gebie­te ver­hin­dern woll­ten, sie­del­ten Flücht­lin­ge aus den israe­lisch erober­ten Gebie­ten in den jüdi­schen Häu­sern an und über­tru­gen die­sen die ent­spre­chen­den Eigen­tums­rech­te.

Einige Brandstifter …

Als Isra­el 1967 Ost­je­ru­sa­lem und die West­bank erober­te, wur­den die­se jor­da­ni­schen Eigen­tums­rech­te vor­erst nicht ange­tas­tet. Aller­dings beschloss die Knes­set ein Gesetz, dass Juden und Jüdin­nen, die von den Jor­da­ni­ern oder Bri­ten aus ihrem Besitz im West­jor­dan­land ver­trie­ben wor­den waren, die­sen bei Nach­weis ihres Besit­zes zurück­er­hal­ten könn­ten.

Die­ses Gesetz wur­de kei­nes­wegs immer von den frü­he­ren jüdi­schen Bewohner*innen genutzt, die nur sel­ten ein Inter­es­se an der Rück­kehr in eine feind­li­che Umge­bung hat­ten. Viel­mehr kauf­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren immer wie­der rechts­ex­tre­me Siedler*innen, die viel­fach nicht ein­mal in Isra­el gebo­ren sind und oft noch immer US-Päs­se haben, die Eigen­tums­rech­te der ursprüng­li­chen jüdi­schen Bewohner*innen auf und ver­such­ten dann vor Gericht, ihre Eigen­tums­rech­te durch­zu­set­zen. Des­halb tau­chen in den Vide­os von Israe­lis, die nun »ihre« Häu­ser bean­spru­chen auch kei­ne jeme­ni­ti­schen Juden und Jüdin­nen auf, son­dern natio­nal-reli­giö­se US-Amerikaner*innen, deren Ansprü­che mit der Unter­stüt­zung gut orga­ni­sier­ter Sied­ler­or­ga­ni­sa­tio­nen vor Gericht durch­ge­setzt wur­den.

Zwar waren in Sheikh Jar­rah nur eini­ge weni­ge Häu­ser von solch einer »Rück­stel­lung« an die jüdi­schen Besitzer*innen betrof­fen, von der paläs­ti­nen­si­schen Bevöl­ke­rung wird dies aller­dings im Kon­text der immer exzes­si­ve­ren Sied­lungs­be­stre­bun­gen in der West­bank und der von eben die­sen Sied­ler­or­ga­ni­sa­tio­nen und rechts­ex­tre­men Par­tei­en offen gefor­der­ten »Judai­sie­rung« Jeru­sa­lems als Bedro­hung der eige­nen Exis­tenz wahr­ge­nom­men.

Dass schließ­lich der Räu­mungs­be­scheid für vier Häu­ser in dem Vier­tel ent­spre­chen­de Pro­tes­te aus­lö­sen wür­de, war abzu­se­hen. Auch dass der mas­si­ve israe­li­sche Poli­zei­ein­satz wäh­rend des Rama­dan auf dem Gelän­de des Haram ash-Sharif, des Tem­pel­bergs, direkt vor der al-Aqsa Moschee, die­se Pro­tes­te wei­ter befeu­ern und gera­de­zu dazu ein­la­den wür­de, die­se reli­gi­ös zu deu­ten, kann nie­man­den über­ra­schen. Erst der bru­ta­le Poli­zei­ein­satz auf dem Haram ash-Sharif ermög­lich­te es schließ­lich der Hamas, sich mit einer isla­mi­schen Deu­tung der Ereig­nis­se an die Spit­ze der Pro­tes­te zu set­zen.

… und viele Verlierer*innen

Alles deu­tet dar­auf hin, dass sowohl der israe­li­sche Minis­ter­prä­si­dent Net­an­ya­hu als auch die Hamas ganz bewusst eine Eska­la­ti­on her­bei­füh­ren woll­ten. Für Net­an­ya­hu, der mit sei­nem Kor­rup­ti­ons­ver­fah­ren kon­fron­tiert über kei­ne par­la­men­ta­ri­sche Mehr­heit mehr ver­fügt, ist der Krieg gera­de­zu ein Geschenk, das ihn plötz­lich wie­der zum Heer­füh­rer des »bedroh­ten Isra­el« macht und ihm damit mög­li­cher­wei­se zu neu­er Popu­la­ri­tät ver­hilft. Für die Hamas, die Gefahr lief mit der selbst­stän­dig rebel­lie­ren­den Jugend in Gaza eine Kon­kur­ren­tin zu bekom­men und die seit Jah­ren mit einer Legi­ti­mi­täts­kri­se kon­fron­tiert ist, ergibt sich die Mög­lich­keit, sich mit ihren Rake­ten wie­der an die Speer­spit­ze des »Wider­stands« zu set­zen. Auch gegen­über der Fatah kann die Hamas wie­der Boden gut machen. Der Prä­si­dent der Paläs­ti­nen­si­schen Auto­no­mie­be­hör­de Abbas hat­te erst Ende April die Wah­len, die ers­ten seit 2006, unter dem Vor­wand des Kon­flikts mit Isra­el über Wahl­lo­ka­le in Ost­je­ru­sa­lem abge­sagt. Nun geht die Hamas zwar nicht aus den Wah­len, sehr wohl aber aus dem Krieg gestärkt her­vor.

Dass der Räu­mungs­be­scheid für vier Häu­ser in Sheikh Jar­rah Pro­tes­te aus­lö­sen wür­de, war abzu­se­hen.

Die Verlierer*innen die­ses Krie­ges sind indes die Zivilist*innen in Isra­el und im Gaza-Strei­fen, die ver­zwei­felt vor israe­li­schen Luft­an­grif­fen oder Rake­ten der Hamas Schutz suchen.

Vom Krieg pro­fi­tie­ren dürf­te auch die Tür­kei, die sich unter den sun­ni­ti­schen Staa­ten der Regi­on am laut­stärks­ten und ver­bal­ra­di­kals­ten zu Wort mel­de­te. Prä­si­dent Erdoğan, der innen­po­li­tisch stark unter Druck steht, kann sich in der Regi­on ein­mal mehr als Patron der sun­ni­ti­schen Mus­li­min­nen und Mus­li­me auf­spie­len und damit sowohl gegen­über sei­nen Haupt­ri­va­len Iran und Sau­di-Ara­bi­en an Boden gewin­nen, als auch das Jeru­sa­lem-The­ma innen­po­li­tisch aus­nut­zen. Wäh­rend Sau­di-Ara­bi­en und sei­ne Ver­bün­de­ten auf­grund der jüngs­ten Annä­he­rung an Isra­el nicht in der Lage sind, sich glaub­wür­dig als Ver­tei­di­ger der Palästinenser*innen in Sze­ne zu set­zen, nutzt die tür­ki­sche AKP, die über die befreun­de­te Mus­lim­bru­der­schaft enge Ver­bin­dun­gen mit der Hamas unter­hält, die Situa­ti­on sowohl innen- als auch regio­nal­po­li­tisch, um ihre ange­schla­ge­ne Macht zu erhal­ten. Kaum nut­zen konn­te die Situa­ti­on bis­lang der Iran: Des­sen Füh­rung ver­such­te zwar, ent­spre­chen­den Wort­mel­dun­gen der Tür­kei nach­zu­ei­fern, doch allein schon auf­grund der kon­fes­sio­nel­len Dif­fe­ren­zen zwi­schen dem schii­ti­schen Iran und den strikt sun­ni­ti­schen Mus­lim­brü­dern und der AKP dürf­te es hier für Tehe­ran weni­ger zu gewin­nen geben als für Anka­ra.

Thomas Schmidinger

ist Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und der­zeit für ein Semes­ter im Irak.

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