[LCM:] [Deutschlands brutalste Familienclans VIII]: Von der Arisierung zum weltweit anerkannten Logistikunternehmen – der Kühne+Nagel – Konzern

Ihre Anfüh­rer scheu­en oft das Licht der Öffent­lich­keit, doch sie besit­zen immense Macht. Kon­ten gefüllt mit Mil­li­ar­den aus Geschäf­ten, die in aller Her­ren Län­der ver­rich­tet wer­den; tau­sen­de Unter­ge­be­ne, die auf Gedeih und Ver­derb dem Rich­ter­spruch der Män­ner und Frau­en an der Spit­ze aus­ge­lie­fert sind; sie bli­cken oft auf eine mehr als hun­dert­jäh­ri­ge Geschich­te kri­mi­nel­ler Machen­schaf­ten zurück, sind für Mil­lio­nen Tote mit­ver­ant­wort­lich: Deut­sche Kapi­ta­lis­ten-Clans.

Die­se Rei­he wid­met sich den Super­rei­chen der Bun­des­re­pu­blik, die den tra­di­ti­ons­rei­chen „Fami­li­en­un­ter­neh­men“ vor­ste­hen, von der Poli­tik jeder Cou­leur hofiert wer­den und so gut wie nie zum Gegen­stand wut­bür­ger­li­chen Auf­be­geh­rens wer­den. In den ver­gan­ge­nen Tei­len die­ser Serie wid­me­ten wir uns unter ande­rem der Fami­lie Quandt/​Klatten, dem Impe­ri­um der Scha­eff­lers, den Faschis­ten-Finan­ziers des Finck-Clans und zuletzt der Kaf­fee­dy­nas­tie Jacobs, ehe es jetzt um den Clan hin­ter Küh­ne + Nagel geht.

Ob und wel­chen Senf Klaus-Micha­el Küh­ne zu sich nimmt, wenn er mal ein Würst­chen ver­speist, ist nicht bekannt. Ver­mut­lich ist es kein Küh­ne-Senf. Denn auf die­ses Pro­dukt respek­ti­ve sei­nen Her­stel­ler dürf­te er nicht gut zu spre­chen sein. Aus gutem Grund: Selbst in sei­ner Geburts­stadt Ham­burg hal­ten vie­le Men­schen Klaus-Micha­el Küh­ne für den Chef der in der Han­se­stadt ange­sie­del­ten Carl Küh­ne KG hal­ten, die durch die Prä­senz ihrer Pro­duk­te – vor allem der Küh­ne-Senf­glä­ser – im Super­markt­re­gal viel bekann­ter ist als der Logis­tik­kon­zern, des­sen obers­ter Boss Klaus-Micha­el Küh­ne ist.

Tat­säch­lich ist der Alto­na­er Senf- und Sau­cen­her­stel­ler mit sei­nen rund 328 Mil­lio­nen Jah­res­um­satz nur eine Klit­sche im Ver­gleich zu Küh­ne + Nagel, das mit einem Jah­res­um­satz von gut 22 Mil­li­ar­den Euro zu den größ­ten Logis­tik­dienst­leis­tern, man kann auch Spe­di­tio­nen sagen, der Welt zählt. Trotz die­ses gele­gent­li­chen Miss­ver­ständ­nis­ses ist Klaus-Micha­el Küh­ne in Ham­burg immer noch am bekann­tes­ten. Nicht nur weil er dort gebo­ren wur­de und auf­ge­wach­sen ist (er ging übri­gens mit dem Lie­der­ma­cher Wolf Bier­mann auf die­sel­be Schu­le), son­dern vor allem durch sei­ne Spon­so­ren­tä­tig­keit für den Ham­bur­ger SV. Zuletzt ist das Ver­hält­nis wohl etwas abge­kühlt, weil ein Ver­ein, der in die Zwei­te Liga absteigt und dann auch noch zwei­mal den Auf­stieg ver­spielt, natür­lich nicht wirk­lich zu einem Sie­ger­typ wie Küh­ne passt.

Dass Klaus-Micha­el Küh­ne im Lan­de nicht die Pro­mi­nenz hat wie die anfangs erwähn­ten Chefs von Auto­kon­zer­nen oder mei­net­we­gen die Fami­li­en Albrecht oder Oetker, liegt nicht dar­an, dass er weni­ger Geld hat als die­se. Mit einem Ver­mö­gen von geschätz­ten 16,5 Mil­li­ar­den Euro (Stand Novem­ber 2020) gehört Küh­ne zu den 20 reichs­ten Ein­zel­per­so­nen in Deutsch­land, spielt also ganz oben mit. Sei­ne gerin­ge Bekannt­heit hat eher damit zu tun, dass sein Unter­neh­men Küh­ne + Nagel in einer wenig spek­ta­ku­lä­ren und sinn­lich wenig inspi­rie­ren­den Bran­che ange­sie­delt ist: der Logis­tik.

Wie bei so vie­len Clans des deut­schen Kapi­tals basiert auch der Reich­tum des Küh­ne-Clans auf einer ver­bre­che­ri­schen Berei­che­rung in der Zeit des deut­schen Faschis­mus’. Die Fir­ma war unter den Nazis ein Haupt­pro­fi­teur der so genann­ten „Ari­sie­rung“ jüdi­schen Eigen­tums. Ihr kam unter ande­rem eine Schlüs­sel­rol­le bei der so genann­ten „M‑Aktion“ des faschis­ti­schen Regimes zu. Dabei wur­de bis August 1944 in Frank­reich und den Bene­lux-Län­dern die Innen­ein­rich­tung von rund 65.000 Woh­nun­gen geflo­he­ner oder depor­tier­ter Juden abtrans­por­tiert.

Ein Blick in die Geschich­te des Unter­neh­mens kann also hilf­reich sein. Laut Wiki­pe­dia wur­de die Fir­ma im Juli 1890 von den Geschäfts­leu­ten August Küh­ne (1855 – 1932), dem Groß­va­ter von Klaus-Micha­el Küh­ne und Fried­rich Gott­lieb Nagel (1864 – 1907) in Bre­men als „Spe­di­ti­ons- und Com­mis­si­ons­ge­schäft“ gegrün­det. Nach dem Tod Nagels ging die Fir­ma in den allei­ni­gen Besitz von Küh­ne über. 1910 wur­de der jüdi­sche Kauf­mann Adolf Maass, der sei­ne Leh­re im Unter­neh­men gemacht und spä­ter die Ham­bur­ger Nie­der­las­sung auf­ge­baut hat­te, Teil­ha­ber von Küh­ne + Nagel. 1928 wur­de ihm ein Anteil von 45 Pro­zent der Besitz­an­tei­le am Ham­bur­ger Zweig von Küh­ne + Nagel ver­trag­lich zuge­spro­chen. Im Jahr 1932 starb Fir­men­grün­der August Küh­ne und sei­ne Söh­ne Alfred – der Vater von Klaus-Micha­el Küh­ne – und Wer­ner über­nah­men das Geschäft. Im sel­ben Jahr soll es laut Wiki­pe­dia zu einer geschäft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den Brü­dern Alfred und Wer­ner Küh­ne und Maass gekom­men sein. In der Fol­ge habe Maass die Fir­ma im April 1933 ohne Abfin­dung ver­las­sen. An ande­rer Stel­le des Onlin­e­le­xi­kons heißt es, der jüdi­sche Teil­ha­ber sei aus der Fir­ma gedrängt wor­den, was der Wahr­heit ver­mut­lich näher kommt. Jeden­falls wur­de Wer­ner Küh­ne schon am 1. Mai 1933 Mit­glied der NSDAP. Mit einem jüdi­schen Mit­in­ha­ber wäre das wohl nicht mög­lich gewe­sen. Maas und sei­ne Ehe­frau wur­den 1945 im KZ Ausch­witz ermor­det.

Mit dem Her­aus­drän­gen des jüdi­schen Teil­ha­bers und dem Par­tei­ein­tritt Wer­ner Küh­nes waren die Wei­chen gestellt, um groß abzu­sah­nen. In den 1940er Jah­ren pro­fi­tier­te die Fir­ma Küh­ne + Nagel durch den Trans­port und den Ein­satz ihrer Logis­tik­struk­tur von soge­nann­tem „Juden­gut“, dem Haus­rat der Depor­tier­ten aus ganz Euro­pa, den sich der NS-Staat ange­eig­net hat­te. Die „M‑Aktion“ des NS-Regimes war ein Berei­che­rungs­pro­gramm für den Küh­ne-Clan, wie den Anga­ben bei Wiki­pe­dia zu ent­neh­men ist. Es läuft einem kalt den Rücken her­un­ter, wenn man an die Schick­sa­le denkt, die hin­ter den fol­gen­den Zah­len steckt.

Dem­nach hat­te die ver­ant­wort­li­che NS-Dienst­stel­le bis August 1944 in den Nie­der­lan­den, Bel­gi­en, Frank­reich und Luxem­burg die Ein­rich­tun­gen von rund 65.000 Woh­nun­gen abtrans­por­tie­ren las­sen. 500 Fracht­käh­ne und 674 Züge sei­en dafür nötig gewe­sen. „Bei der Umset­zung half Küh­ne + Nagel“, heißt es nüch­tern. Das Unter­neh­men sei direkt und mit Hil­fe von Sub­un­ter­neh­men in allen besetz­ten west­li­chen Län­dern aktiv gewe­sen.

Die Trans­por­te aus den Nie­der­lan­den sind dabei am aus­führ­lichs­ten recher­chiert. K + N char­ter­te bei­spiels­wei­se einen eige­nen Damp­fer, um jüdi­sches Raub­gut in das Deut­sche Reich zu trans­por­tie­ren. Das ers­te Fracht­schiff aus Ams­ter­dam traf laut Wiki­pe­dia im Dezem­ber 1942 in Bre­men ein. Die Stück­lis­te wies 220 Arm­ses­sel, 105 Bet­ten, 363 Tische, 598 Stüh­le, 126 Schrän­ke, 35 Sofas, 307 Kis­ten mit Glas­ge­schirr, 110 Spie­gel, 158 Lam­pen, 32 Uhren, ein Gram­mo­phon und zwei Kin­der­wa­gen aus. Dabei han­del­te es sich um das Eigen­tum nie­der­län­di­scher Juden, die im Som­mer 1941 in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger depor­tiert wor­den waren. Für den Ein­satz­stab Reichs­lei­ter Rosen­berg führ­te Küh­ne + Nagel laut dem His­to­ri­ker Wolf­gang Dre­ßen „allein aus Paris […] zwi­schen 1941 und 1944 ins­ge­samt 29 Kunst­trans­por­te“ durch. In Süd­frank­reich such­te ein Mit­ar­bei­ter von Küh­ne + Nagel aktiv nach Möbeln. Laut Dre­ßen gab es eine äußerst enge Zusam­men­ar­beit mit Behör­den­mit­ar­bei­tern und der deut­schen Besat­zung.

Für His­to­ri­ker, die sich mit der Geschich­te des Kon­zerns befasst haben, ist die Sache klar. Die Fir­ma sei „mit­ver­ant­wort­lich für den Tod von Leu­ten, sie haben damit Geld ver­dient“, bewer­te­te Dre­ßen das Gesche­hen. Und der His­to­ri­ker Frank Bajohr vom Münch­ner Zen­trum für Holo­caust­stu­di­en im Insti­tut für Zeit­ge­schich­te (IfZ) sah in den Geschäf­ten von Küh­ne + Nagel „eine rela­ti­ve Nähe zum Mas­sen­mord“. Der His­to­ri­ker Johan­nes Beer­mann, der zu den M‑Transporten forsch­te, wird bei Wiki­pe­dia mit den Wor­ten zitiert, bei der Ver­schi­ckung des zusam­men­ge­raub­ten Mobi­li­ars der depor­tier­ten Juden habe die ver­ant­wort­li­che NS-Dienst­stel­le Wes­ten eng mit der Spe­di­ti­on zusam­men­ge­ar­bei­tet. Dre­ßen weist dar­auf hin, dass Küh­ne + Nagel nicht allein gewe­sen sei, denn ande­re gro­ße Logis­tik­un­ter­neh­men sei­en ähn­lich ver­strickt gewe­sen. Aller­dings war das Bre­mer Unter­neh­men füh­rend in dem ent­stan­de­nen ver­bre­che­ri­schen Wirt­schafts­zweig. Beer­mann erklär­te, es sei dem Fuhr­un­ter­neh­men gelun­gen, „sich so erfolg­reich gegen poten­zi­el­le Mit­be­wer­ber durch­zu­set­zen, dass Küh­ne + Nagel im Ver­lauf der ‘M‑Aktion’ qua­si das Mono­pol auf die­se lukra­ti­ven Staats­auf­trä­ge erhielt“.

Es ver­steht sich wohl von selbst, dass das ver­bre­che­ri­sche Han­deln der Fir­men­ver­ant­wort­li­chen mit dem Ende von Krieg und Faschis­mus nicht been­det war. Wohl eher pro for­ma wur­den die Brü­der Alfred und Wer­ner Küh­ne durch ame­ri­ka­ni­sche Stel­len einer Unter­su­chung zu ihrer Rol­le im Faschis­mus unter­zo­gen. Auf­grund der Akten­la­ge wur­den bei­de nicht „ent­na­zi­fi­ziert“, son­dern als „Mit­läu­fer“ ein­ge­stuft. Damit hät­te kei­ner der bei­den die inter­na­tio­nal täti­ge Spe­di­ti­on wei­ter füh­ren dür­fen. Doch man fand Mit­tel und Wege. Und man hat­te mäch­ti­ge Freun­de.

So heißt es bei Wiki­pe­dia, in den Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­ten fän­den sich Hin­wei­se auf eine Inter­ven­ti­on der CIA, die als „top secret“ klas­si­fi­ziert war. Das Schrei­ben ist die Anord­nung, dass Alfred Küh­ne zu ent­na­zi­fi­zie­ren sei. Nach Infor­ma­tio­nen des Geheim­dienst-Wis­sen­schaft­lers Erich Schmidt-Een­boom gehör­te Küh­ne + Nagel zu den wich­tigs­ten Tarn­un­ter­neh­men der neu auf­ge­bau­ten Orga­ni­sa­ti­on Geh­len, Vor­gän­ger­or­ga­ni­sa­ti­on des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes. Schmidt-Een­boom beur­teilt die Bedeu­tung des Unter­neh­mens wie folgt: „Die CIA hat 1955 eine Auf­stel­lung sämt­li­cher Tarn­fir­men des Geh­len-Appa­ra­tes gemacht, und da ran­giert Küh­ne + Nagel sehr weit oben. Zum einen die Bre­mer Zen­tra­le, zum zwei­ten die Münch­ner Nie­der­las­sung und zum drit­ten war das Bon­ner Büro von Kühne+Nagel der Sitz von Geh­lens Ver­bin­dungs­mann zur Bun­des­re­gie­rung.“

Bekannt­lich sahen die USA und ihre Ver­bün­de­ten ange­sichts der „bol­sche­wis­ti­schen Bedro­hung“ aus dem Osten recht schnell nach Kriegs­en­de über die Ver­bre­chen der Nazis und ihrer Hel­fer hin­weg. So auch im Fal­le des Küh­ne-Clans. Alfred und Wer­ner Küh­nes Kon­ten- und Ver­mö­gens­sper­ren und Anstel­lungs­be­schrän­kun­gen wur­den mit ihrer Ent­na­zi­fi­zie­rung in die „Kate­go­rie IV“ zum 1. Juli 1948 auf­ge­ho­ben. Die Wei­chen für den Wie­der­auf­stieg des Kon­zerns waren gestellt.

An all das wird Klaus-Micha­el Küh­ne natür­lich nicht gern erin­nert. Am Ran­de des Richt­fes­tes der neu­en Fir­men­zen­tra­le am Bre­mer Weser­ufer erklär­te er im Mai 2019 gegen­über dem NDR-Lokal­ma­ga­zin „Buten un bin­nen“, er habe kein Ver­ständ­nis dafür, dass das The­ma „immer wie­der hoch­ge­kocht wird“. Die Fir­ma sei „damals Dienst­leis­ter gewe­sen und muss­te so etwas machen“. Das sei „der Zwang des Krie­ges“ gewe­sen. Die­se Ein­las­sung gleicht den Erklä­run­gen frü­he­rer KZ-Wär­ter in Pro­zes­sen, so sie denn über­haupt vor Gericht kamen, sie sei­en doch nur „klei­ne Räd­chen im Getrie­be“ gewe­sen und man habe sie dazu gezwun­gen, auf Gefan­ge­ne zu schie­ßen.

Der Bei­trag [Deutsch­lands bru­tals­te Fami­li­en­clans VIII]: Von der Ari­sie­rung zum welt­weit aner­kann­ten Logis­tik­un­ter­neh­men – der Kühne+Nagel – Kon­zern erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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