[UG-Blättle:]A.G. Grauwacke: Autonome in Bewegung

Was für ein Glück: Ein Klas­si­ker über die auto­no­me Bewe­gung in Deutsch­land wur­de neu auf­ge­legt.

Bild: Trä­nen­gas in Ber­lin, 1991. /​Neil Hes­ter (CC BY-NC 2.0 crop­ped)

Im Früh­jahr 2003 erschien ein üppig bebil­der­ter Band mit dem Titel „Auto­no­me in Bewe­gung – Aus den ers­ten 23 Jah­ren“. In einer gan­zen Rei­he von Bespre­chun­gen fand er schon damals eine aus­ser­or­dent­lich freund­li­che Auf­nah­me. Es sei die „Erfolgs­ge­schich­te einer poli­ti­schen Pra­xis“ (jung­le world), „eine wah­re Fleiss­ar­beit […], die man unbe­dingt lesen soll­te“ (Terz), ein „Klas­se Buch!“ (Plastic Bomb) und die „Gelun­ge­ne Geschich­te der Auto­no­me­n­be­we­gung“ (taz).

Vier Jah­re nach sei­nem Erschei­nen wur­de das Buch auch von den Sicher­heits­be­hör­den zur Kennt­nis genom­men. Unter expli­zi­tem Ver­weis auf das Buch beför­der­te die Bun­des­an­walt­schaft am 9. Mai 2007 die fünf mut­mass­li­chen Buch­ver­fas­ser zu Füh­rungs­ka­dern einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung. Ihnen wur­de die Durch­füh­rung von zwölf Brand­an­schlä­gen ange­dich­tet mit Bezug auf die damals anrol­len­de G8-Gegen­mo­bi­li­sie­rung in Hei­li­gen­damm. Nach umfang­rei­chen Obser­va­tio­nen folg­te dann eine Wel­le von Haus­durch­su­chun­gen. Das Ermitt­lungs­ver­fah­ren wur­de im Sep­tem­ber 2008 schliess­lich ein­ge­stellt. Das Buch war seit 2012 ver­grif­fen.

Der Ver­lag Asso­zia­ti­on A hat sich nun dazu ent­schlos­sen, eine aktua­li­sier­te Neu­auf­la­ge zur Ver­fü­gung zu stel­len. Das bedeu­tet: Eine neue Redak­ti­on hat sich die Frei­heit genom­men, den „längst ver­grif­fe­nen Klas­si­ker der auto­no­men, sub­jek­ti­ven Geschichts­schrei­bung“ noch ein­mal mit 100 zusätz­li­chen Sei­ten zu berei­chern. So kom­men also zu den bereits erzähl­ten 23 Jah­ren Geschich­te der Auto­no­men wei­te­re 17 Jah­re hin­zu. Hut ab vor so viel auto­no­mer Chuz­pe! Aller­dings wird der Unter­ti­tel des Buches ungül­tig, prä­zi­se müss­te es heis­sen: „Aus den ers­ten 40 Jah­ren“. Die­se wer­den hier in sechs lan­gen Kapi­teln mit 51(!) Unter­ka­pi­teln chro­no­lo­gisch geord­net, beschrie­ben und ana­ly­siert. In grau­en Info­käs­ten fin­den sich ein­ge­scho­be­ne Berich­te von Zeit­zeu­g­In­nen.

Alltag und Militanz der 80er

Das Buch han­delt die auto­no­me Bewe­gung haupt­säch­lich aus West-Ber­li­ner, um genau zu sein, aus Kreuz­ber­ger Per­spek­ti­ve ab. Den Kämp­fen um die Ham­bur­ger Hafen­stras­se ab Mit­te der 1980er Jah­re, ein wich­ti­ger Kul­mi­na­ti­ons­punkt auto­no­mer Poli­tik und Pra­xis, oder auch den töd­li­chen Schüs­sen an der Frank­fur­ter Start­bahn West im Novem­ber 1987 wird kein grös­se­res Inter­es­se geschenkt. Hier geht es zu Beginn der 1980er Jah­re mit den Haus­be­set­zun­gen los und fast 500 Sei­ten spä­ter endet alles nicht ganz zufäl­lig mit einer Ver­ab­re­dung, sich „mor­gen Abend [beim] Bier im Gör­lit­zer Park“ zu tref­fen – um das „Älter wer­den“ gera­de in Bezug auf die Auf­stands­theo­rie zu bespre­chen.

Die in dem Buch prä­sen­tier­ten Bil­der, Kari­ka­tu­ren, Icons, Comics und Pla­ka­te sind wesent­lich aus dem Alter­na­tiv­be­we­gungs­de­sign und der Ber­li­ner Stras­sen­kampf-Pra­xis der 1980er und 90er Jah­re her­vor­ge­gan­gen. Hier wird ganz sinn­bild­lich gezeigt, was auto­no­me Bewe­gung in ihren bes­ten Momen­ten immer auch war und ist: Mili­tanz und All­tag, Spass, Sound, sozia­les Leben und Opti­mis­mus. Auch so unter­neh­men die fünf Kreuz­ber­ger Ver­fas­ser den Ver­such, „die Geschich­te der Auto­no­men“ gera­de nicht durch „sozio­lo­gi­sche For­schung und aka­de­mi­sches Quel­len­stu­di­um“, son­dern „streng sub­jek­tiv“ aus der Per­spek­ti­ve der­je­ni­gen zu erzäh­len, „die dabei waren und sind“ (S. 7).

Auf dem unte­ren Sechs­tel der Sei­ten fin­det sich ein Zeit­strahl mit weit über 1.000 aus­ge­wähl­ten zeit­ge­schicht­li­chen Daten. Zwar wird dabei nicht immer ganz klar, war­um die­se Ein­trä­ge aus­ge­wählt wur­den, sie besit­zen aber gegen­über der Gegen­wart einen Ver­frem­dungs­ef­fekt. Der ers­te Zeit­ta­fel­ein­trag zu die­sem Geschichts­band der Auto­no­men lau­tet: „13.01. (1980) Karls­ru­he: Die Grü­nen kon­sti­tu­ie­ren sich auf einem Kon­gress als Bun­des­par­tei“ (S. 14). Irgend­wie gab es wohl vor 40 Jah­ren noch poli­ti­sche Ver­flech­tun­gen zwi­schen Auto­no­men und Grü­nen, der Par­tei, die spä­ter Angriffs­krie­ge und Hartz IV bil­lig­te.

Die unübersichtlichen 90er

Der Schwer­punkt der Dar­stel­lung liegt auf den Ereig­nis­sen in den 1980er Jah­ren, in der die Autoren als Prot­ago­nis­ten schrei­ben. Das vier­te Kapi­tel, über die 1990er, fällt in der Qua­li­tät deut­lich ab. Nach dem Zusam­men­bruch des rea­len Sozia­lis­mus ent­spricht die Mili­tanz auto­no­mer poli­ti­scher Akti­vi­tä­ten ein­fach nicht mehr der Gewalt­or­ga­ni­sa­ti­on des gesell­schaft­li­chen Lebens. Ohne es kennt­lich zu machen, haben die Kreuz­ber­ger Ver­fas­ser für die Kapi­tel über Anti­ras­sis­mus und Anti­fa ande­re akti­ve Genos­sen gebe­ten, Tex­te zu ver­fas­sen. Das merkt man sowohl dem Sound wie auch der pro­gram­ma­ti­schen Grun­die­rung die­ser Kapi­tel an. Und das demen­tiert natür­lich den im Vor­wort durch die Ver­fas­ser erho­be­nen Anspruch, auch hier sub­stan­ti­ell „dabei“ gewe­sen zu sein.

Den­noch muss man den Ver­such die­ses Buch­pro­jek­tes loben, sich aus auto­no­mer Per­spek­ti­ve erst­mals eine Schnei­se quer durch das unüber­sicht­li­che Jahr­zehnt der 1990er zu schla­gen. Das glei­che kann nun auch für den expli­zit von einer neu­en Redak­ti­ons­grup­pe gleich­falls kurz­wei­lig zu lesen­den Abriss zur auto­no­men Geschich­te zwi­schen 2003 und 2020 gesagt wer­den. Auch hier mischen Auto­no­me aller­or­ten mit: Anti­ras­sis­ti­sche Grenz­camps wer­den durch­ge­führt, Refu­gee Camps vor­be­halt­los unter­stützt, Hartz IV wird ent­schie­den abge­lehnt und Job­cen­ter wie Luxus­re­stau­rants wer­den ohne vor­he­ri­ge Ter­min­ab­spra­che auf­ge­sucht, Gip­fel­tref­fen der glo­ba­len Staats­chefs in Hei­li­gen­damm und Ham­burg wer­den durch­ein­an­der­ge­bracht, in Sachen Anti­fa sor­gen Auto­no­me auch am Gebirgs­jä­ger­stand­ort Mit­ten­wald mit einer Viel­zahl von pfif­fi­gen Aktio­nen für eine Moder­ni­sie­rung des Erin­ne­rungs­re­gimes, die Nut­zung der Atom­ener­gie wird in Gor­le­ben und anders­wo in die Ton­ne getre­ten, Häu­ser- und Wohn­pro­jek­te wer­den besetzt und so gut es geht poli­tisch wie mate­ri­ell ver­tei­digt.

Kri­tisch anzu­mer­ken ist, dass man­che Tex­te von einer theo­re­ti­schen Selbst­ge­nüg­sam­keit durch­zo­gen sind: „Weder schwebt uns die gros­se ver­ein­heit­li­chen­de Bewe­gungs­theo­rie vor, noch der end­gül­ti­ge Rund­um­schlag zum Zwe­cke des Bewei­ses, dass wir sowie­so alles bes­ser durch­bli­cken“ (S. 380). Die oben zitier­te Aus­sa­ge steht für eine immer wie­der bei Auto­no­men zu fin­den­de Ten­denz, sich theo­re­tisch selbst zu ent­mäch­ti­gen.

Forever young

Doch Kat­zen­jam­mer ist die Sache von Auto­no­men nicht, das zeigt das Buch in über­zeu­gen­der Wei­se. Es zeigt, dass eine Ende der 1970er Jah­re als Jugend­be­we­gung gestar­te­te poli­ti­sche For­ma­ti­on in einer Dia­lek­tik von Kon­ti­nui­tä­ten und Brü­chen tat­säch­lich ein paar Genera­ti­ons­wech­sel hin­be­kom­men hat. Und zwar als eine lin­ke Bewe­gung auf der Stras­se und aus­ser­halb der Insti­tu­tio­nen und hier vor allem aus­ser­halb der Uni­ver­si­tä­ten. So lie­fert das Buch eini­ges an Fut­ter für die span­nen­de The­se, dass die Auto­no­men nach 40 lan­gen Jah­ren zwar defi­ni­tiv nicht fore­ver young aber eben doch ein biss­chen unsterb­lich sind.

Die Tex­te und Bil­der im Buch sind Geschich­ten, die aus den Medi­en aus­ge­schlos­sen und von den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen ver­drängt und ver­höhnt wer­den. Sie zei­gen lin­ke Akti­vis­tIn­nen in ihrem Ver­such, gegen die Ver­hält­nis­se zu leben. Und zu beden­ken bleibt in Abwand­lung eines Gedan­kens von Ernst Bloch heu­te mehr denn je: Auf 1.000 Abschie­bun­gen, auf 1.000 Zwangs­räu­mun­gen, auf 1.000 Kriegs­trans­por­te, auf 1.000 Ver­ge­wal­ti­gun­gen, geschla­ge­ne Frau­en und Kin­der, auf 1.000 ertrun­ke­ne Flücht­lin­ge im Mit­tel­meer, auf 1.000 Naz­i­kund­ge­bun­gen und auf 1.000 Kür­zun­gen von Hartz IV-Beschei­den kom­men nicht 10 Kra­wal­le.

Mar­kus Mohr
kri​tisch​-lesen​.de

A.G. Grau­wa­cke: Auto­no­me in Bewe­gung. Aus den ers­ten 23 Jah­ren. Asso­zia­ti­on A Ver­lag, Ber­lin 2020. 496 Sei­ten. ca. 31.00 SFr. ISBN 978–3‑86241–468‑0

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