[perspektive:] Das Märchen von der Klimawende im Kapitalismus

Konzerne und Regierungen überschlagen sich in ihren Ankündigungen, klimaneutral zu werden. Doch was sind aus wissenschaftlicher Sicht die Probleme dabei? Und welche Rolle spielt das Profitsystem darin, den Kampf gegen den Klimawandel auszubremsen? – Ein Kommentar von Umut Devrim

Jeden Tag neue Rekor­de und Schlag­zei­len: “Pho­to­vol­ta­ik-Strom bil­li­ger als fos­si­ler Strom.” “Anteil von erneu­er­ba­ren Ener­gien steigt auf ein neu­es Hoch.” Es scheint, als wären wir auf dem rich­ti­gen Weg, den Kli­ma­wan­del zu stop­pen. Der Anteil von erneu­er­ba­ren Ener­gien am Strom­ver­brauch in Deutsch­land beträgt aktu­ell 45 %. Das klingt erst ein­mal toll, bis man sich zwei Din­ge ver­deut­licht:

1) Je höher der Anteil steigt, des­to lang­sa­mer wird ein wei­te­rer Anstieg sein. Wie­so? Weil erneu­er­ba­re Ener­gien von Natur aus nicht stän­dig ver­füg­bar sind. Aktu­el­le Koh­le- und Gas­kraft­wer­ke zur Strom­pro­duk­ti­on lau­fen rund um die Uhr, was so bei Solar- und Wind­kraft­wer­ken nicht mög­lich wäre. Strom­spei­cher für die Nacht, bei Bewöl­kung und Wind­flau­ten wer­den unaus­weich­lich. Rie­si­ge Bat­te­rien sind aktu­ell weit weg, davon pro­fi­ta­bel zu sein und ande­re Lösun­gen, den Strom in Form von che­mi­scher Ener­gie zu spei­chern (z. Bsp. Was­ser­stoff), sind mit Ver­lus­ten behaf­tet und wür­den den Bedarf um meh­re­re Fak­to­ren erhö­hen.

2) Noch viel wich­ti­ger ist: die­se genann­te Zahl von 45 % betrifft nur unse­ren Strom­ver­brauch. Aus­schlag­ge­bend für das Kli­ma ist jedoch unser soge­nann­ter Pri­mär-Ener­gie­ver­brauch. Die­ser umfasst nicht nur den Strom, son­dern auch die Wär­me und jeg­li­che ande­re Arten von Ener­gie­trä­gern, die wir nut­zen, wie zum Bei­spiel Kraft­stof­fe. Und hier beträgt der Anteil von erneu­er­ba­ren Ener­gien nur 20 % wobei bio­ge­ne Abfäl­le zur Ver­bren­nung schon ein­ge­rech­net wur­den. Der Sek­tor Ver­kehr hat dabei nur einen Anteil erneu­er­ba­rer Bestand­tei­le von gera­de ein­mal 7 %. Dafür gibt es auch eine ein­fa­che Erklä­rung: die Strom­pro­duk­ti­on ist am ein­fachs­ten auf erneu­er­ba­re Ener­gien umzu­stel­len, woge­gen die Umstel­lung beim Wär­me- und vor allem im Ver­kehrs­sek­tor deut­lich auf­wen­di­ger ist. Dabei ist der Ver­kehrs­sek­tor der zweit­größ­te Ver­ur­sa­cher von CO2, nach dem Ener­gie­sek­tor. Da über­rascht es auch nicht, dass auf der Sei­te des Umwelt­bun­des­amts fol­gen­de Aus­sa­ge zu fin­den ist:

„Für das Ziel 2030 (Anteil [erneu­er­ba­rer Ener­gien] 30 % [am Pri­mär­ener­gie­ver­brauch]) sind jedoch erheb­li­che zusätz­li­che Anstren­gun­gen not­wen­dig. Vor allem im Wär­me- und im Ver­kehrs­sek­tor stie­gen die Antei­le der Erneu­er­ba­ren Ener­gien in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren nur lang­sam.“

Das weltweite Potenzial und ein globales Netz

Doch wor­an liegt das? Es gibt eigent­lich genug Tech­no­lo­gien, die die Plät­ze von fos­si­len Ener­gie­trä­gern wie Öl, Ben­zin und Erd­gas ein­neh­men kön­nen.

Um das gewal­ti­ge Poten­zi­al greif­bar zu machen, lässt sich fol­gen­der Ver­gleich anstel­len: Zur Deckung des Pri­mär-Ener­gie­be­darfs der gesam­ten Welt wäre in der Saha­ra eine Flä­che für Pho­to­vol­ta­ik-Anla­gen von ca. 250×250 km not­wen­dig. Da die Son­ne in der Saha­ra etwa die Hälf­te des Tages scheint, bräuch­ten wir etwas mehr als die dop­pel­te Men­ge – und somit Flä­che – an PV-Anla­gen, um theo­re­tisch die gesam­ten 24 Stun­den zu decken. Das klingt zunächst ein­mal nach viel, bis man es ins Ver­hält­nis zur gesam­ten Flä­che setzt. Dann wären näm­lich gera­de ein­mal knapp 2 % der Flä­che der Saha­ra not­wen­dig, um den Ener­gie­be­darf der gesam­ten Erde zu decken.

Die Kos­ten dafür? Gehen wir von einem glo­ba­len Ener­gie­ver­brauch von 166 Peta­watt­stun­den aus und neh­men die aktu­el­len PV-Instal­la­ti­ons­kos­ten von 995 $/​kW, so lan­den wir bei 38.000 Mil­li­ar­den US-$. Ver­tei­len wir die­se Kos­ten nun über 5 Jah­re, so sind das nur etwa 10 % des Brut­to­in­lands­pro­dukts aller Län­der auf der Welt pro Jahr. Ein­ma­lig. Und die Betriebs­kos­ten pro Jahr? Um den Fak­tor 100 klei­ner, also prak­tisch ver­nach­läs­sig­bar.

Natür­lich blie­be das Pro­blem der Spei­che­rung, aber durch Ver­tei­lung die­ser Anla­gen ent­lang des Son­nen­gür­tels der Erde lie­ße sich dies schon um eini­ges aus­glei­chen. Dadurch wür­den Orte, an denen es Tag ist, Strom lie­fern für die Orte, an denen es Nacht ist. Ergänzt wer­den könn­te dies mit Wind­parks, die nur unwe­sent­lich teu­rer sind.

Eine Stu­die zeigt, dass der Strom­trans­port von 3 Giga­watt über 5500 km, von Grön­land nach Nord­ame­ri­ka, den Strom­preis um nur ein Drit­tel erhö­hen wür­de. Ein bereits bestehen­des Netz zwi­schen Nor­we­gen und der Nie­der­lan­de (Nor­Ned) mit einer Län­ge von 580 km hat sogar kei­ne stei­gen­den Kos­ten zur Fol­ge gehabt. Wei­te­re Strom­net­ze könn­ten fol­gen um ein „Glo­bal Grid“ auf­zu­bau­en. Bereits heu­te decken wir unse­ren Ener­gie­be­darf nur mit­hil­fe von Ener­gie­im­por­ten und das wird auch in der Zukunft so sein. Und war­um fan­gen wir nicht damit an? Ganz ein­fach, wegen dem Pro­fit­sys­tem.

Das eigentliche Problem

Es ist aktu­ell nicht pro­fi­ta­bel voll­stän­dig auf erneu­er­ba­re Ener­gien umzu­schwen­ken. Zwar ist vor allem in son­nen­rei­chen Regio­nen Solar­strom bil­li­ger als fos­si­ler Strom, aber Strom macht nur etwa 21 % des Ener­gie­be­darfs in Deutsch­land aus. Rie­si­ge Indus­trie­zwei­ge, wie die Stahl‑, Zement- und Che­mie­in­dus­trie, sind auf bil­li­ge Wär­me und fos­si­le Roh­stof­fe wie Erd­öl ange­wie­sen.

Denn obwohl Ener­gie aus erneu­er­ba­ren Quel­len für den Strom­be­darf sehr güns­tig ist, ist die Nut­zung zur Wär­me­er­zeu­gung sehr teu­er. Zusätz­lich müs­sen wir auf lan­ge Sicht fos­si­le Bestand­tei­le in che­mi­schen Pro­duk­ten durch erneu­er­ba­re Bestand­tei­le erset­zen. Aus Erd­öl wer­den unter ande­rem Plas­tik, Kos­me­tik­be­stand­tei­le, Rei­ni­gungs­mit­tel und Klei­dun­gen her­ge­stellt.

Glei­ches gilt für Autos, die durch e‑Autos ersetzt wer­den müs­sen oder mit künst­lich her­ge­stell­tem Kraft­stoff fah­ren müs­sen. Tech­nisch ist das auch alles kein Pro­blem. Dies hät­te aber fol­gen­des zur Fol­ge: der Strom­be­darf wür­de sich um eini­ges ver­viel­fa­chen, um die che­mi­schen Bestand­tei­le für all die­se Pro­duk­te zu erzeu­gen. Es ist eben nicht ein­fach, mit über Mil­lio­nen von Jah­ren ver­dich­te­ter Ener­gie in Form von Erd­öl in erneu­er­ba­rer Form mit­zu­hal­ten. Aber wie bereits gezeigt ist dies weder von den Res­sour­cen noch finan­zi­ell gese­hen ein wirk­li­ches Pro­blem – sofern man es lösen möch­te.

Money, money

Denn wäh­rend die For­schung mit neu­en Ideen ankommt, gibt es von der Indus­trie nur eine Ant­wort dar­auf: das ist noch zu teu­er! Umso frus­trie­ren­der ist es, dass wirk­lich sinn­vol­le Maß­nah­men wie CO2-Steu­ern für die Indus­trie nur in wir­kungs­lo­sen Men­gen umge­setzt wer­den. Abhän­gig von den Emis­sio­nen, die bei der Pro­duk­ti­on erzeugt wer­den, müss­ten die Unter­neh­men dann dafür bezah­len.

Dabei soll­ten auch die Vor­ket­ten der Pro­duk­ti­on berück­sich­tigt wer­den, damit nicht wie der­zeit die Pro­duk­ti­on, und somit auch die Emis­sio­nen, in Län­der wie Chi­na expor­tiert wer­den. Es ist näm­lich mehr als abseh­bar, dass west­li­che Indus­trie­län­der die seit dem 19. Jahr­hun­dert durch einen sehr ener­gie­in­ten­si­ven Lebens- und Pro­duk­ti­ons­stil die Umwelt extrem belas­tet haben, dann mit dem Fin­ger auf auf­stre­ben­de Län­der wie Chi­na und Indi­en zei­gen wer­den.

Hin­zu kom­men Rück­schlä­ge wie die, dass Chi­na die Absicht, ab 2035 den Ver­kauf von Ver­bren­ner­au­tos zu ver­bie­ten, ein­fach mal auf 2060 ver­scho­ben hat. Mit sol­chen Maß­nah­men lässt sich kaum ein Indus­trie­zweig dazu brin­gen, auf erneu­er­ba­re Ener­gien umzu­schwen­ken. Ganz zu schwei­gen davon, dass Zusatz­kos­ten durch etwai­ge Besteue­rung auf die Kun­den abge­wälzt wer­den wür­den.

Wie dringend ist es wirklich?

Die eigent­li­che Fra­ge ist des­halb, ob die Rah­men­be­din­gun­gen früh genug geän­dert wer­den, bevor der Kli­ma­wan­del sei­nen Kipp­punkt erreicht. Es gibt vie­le Fak­to­ren, die den Kli­ma­wan­del uner­war­tet beschleu­ni­gen kön­nen und die sich nicht abschät­zen las­sen. Deut­lich wird dies, in der Pro­gno­se des Welt­kli­ma­rats, die wie folgt lau­tet:

„Die glo­ba­le Erwär­mung wird wahr­schein­lich zwi­schen 2030 und 2052 1,5 °C errei­chen, wenn sie wei­ter­hin mit der der­zei­ti­gen Geschwin­dig­keit zunimmt.“

Dies ist eine Zeit­span­ne von 9–31 Jah­ren, in denen der kri­ti­sche Wert von 1,5 °C erreicht wer­den könn­te. Im Extrem­fall also nur noch 9 Jah­re. Eine Erwär­mung um 1,5 °C wür­de teils unum­kehr­ba­re Ver­än­de­run­gen in den Öko­sys­te­men her­vor­ru­fen: Extre­me­re Wet­ter­be­din­gun­gen, Über­schwem­mun­gen oder stär­ke­re Dür­re­pe­ri­oden wür­den das Land vie­ler Men­schen unbe­wohn­bar machen und sie zur Flucht zwin­gen.

Wie mit flüch­ten­den Men­schen umge­gan­gen wer­den wür­de, hat uns der Krieg in Syri­en ein­drucks­voll gezeigt. Solch eine Auf­ga­be zu bewäl­ti­gen erfor­dert einen Zusam­men­halt, den die Mensch­heit bis­her nicht erbracht hat.

Eine ande­re Lek­ti­on hat uns die Coro­na­pan­de­mie gelehrt. Anstatt recht­zei­tig auf stei­gen­de Infek­ti­ons­zah­len zu reagie­ren wur­den Betrie­be offen gehal­ten oder Urlaubs­or­te wie Mal­lor­ca kur­zer­hand als Nicht-Risik­io­ge­bie­te ein­ge­stuft. Reagiert hat man, nach­dem die Aus­wir­kun­gen spür­bar wur­den. Im Fal­le der Pan­de­mie hat­te dies meh­re­re Mil­lio­nen von Men­schen­le­ben gekos­tet. Im Fal­le der Kli­ma­er­wär­mung könn­te uns dies aber das Öko­sys­tem, so wie wir es ken­nen, kos­ten – mit gra­vie­ren­den Fol­gen für die gan­ze Mensch­heit.

Kapitalismus und Klimaerwärmung Hand in Hand

Die wohl wich­tigs­te Lek­ti­on der jet­zi­gen Pan­de­mie ist aber fol­gen­de: obwohl das Virus hät­te schnel­ler bekämpft wer­den kön­nen, wur­de es nicht getan. Die Phar­ma­kon­zer­ne haben nicht mit­ein­an­der, son­dern gegen­ein­an­der gear­bei­tet. Und vor allem, sie haben die Impf­stoff­pa­ten­te nicht frei­ge­ge­ben. Erst jetzt sind sym­bo­li­sche Gesprä­che dar­über im Gan­ge (aus­ge­hend von den USA), erst, nach­dem man sich selbst geret­tet hat. Die Kon­zer­ne und Regie­run­gen haben wert­vol­le Zeit und Geld ver­geu­det, damit sie noch Kapi­tal aus der Pan­de­mie schla­gen konn­ten.

Über­tra­gen auf den Kli­ma­wan­del, heißt dies nichts Gutes. Wenn jedes Land für sich kämpft, wer­den wir ver­sa­gen. Wenn wir war­ten, bis der Kli­ma­wan­del sich “lohnt”, wer­den wir ver­sa­gen. Wenn wir war­ten, bis ernst­haf­te Kon­se­quen­zen auch hier zu spü­ren sind, wer­den wir ver­sa­gen. Alle die­se Ver­hal­tens­mus­ter sind Fol­gen des Kapi­ta­lis­mus. Denn in einem Sys­tem, in dem der Pro­fit und das Gegen­ein­an­der im Fokus ste­hen, ändern sich die Din­ge nur zum Bes­se­ren von uns allen, wenn wir aktiv dafür kämp­fen!

Der Bei­trag Das Mär­chen von der Kli­ma­wen­de im Kapi­ta­lis­mus erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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