[perspektive:] Zwangsräumungen und Kampf um die Al-Aqsa Moschee – wie kam es zur Eskalation in Israel/​Palästina?

Seit Tagen eskaliert die Lage in Israel und Palästina. In vielen Medien heißt es, ursprünglicher Auslöser sein unter anderem geplante Zwangsräumungen gegen sechs palästinensische Familien gewesen. Um was ging es dabei?

Ein Aus­lö­ser der aktu­el­len Eska­la­ti­on in West­asi­en war der Fall von 6 paläs­ti­nen­si­schen Fami­li­en, denen Zwangs­räu­mung durch eine Ent­schei­dung des obers­ten israe­li­schen Gerichts droht. Sie leben in einem eher ruhi­gen Stadt­teil Ost­je­ru­sa­lems, im Stadt­teil Sheikh Jar­rah.

Bei den Fami­li­en han­delt es sich um Ver­trie­be­ne aus der „Nak­ba“ 1948. Damit wird die sys­te­ma­ti­sche Ver­trei­bung hun­dert­tau­sen­der Palästinenser:innen aus ihren Län­dern bei der israe­li­schen Staats­grün­dung bezeich­net.

Sie zogen damals nach Ost­je­ru­sa­lem, als dies Jor­da­ni­en noch im Zuge des ara­bisch-israe­li­schen Krie­ges kon­trol­lier­te. 1956 beher­berg­te die jor­da­ni­sche Regie­rung in Zusam­men­ar­beit mit der Flücht­lings­or­ga­ni­sa­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen, UNRWA, 28 paläs­ti­nen­si­sche Flücht­lings­fa­mi­li­en mit Pacht­rech­ten auf einem Grund­stück an Land, das Jor­da­ni­en als Ver­wal­ter des feind­li­chen Eigen­tums ver­wal­te­te.

Doch nach dem der Sechs-Tage-Krieg 1967 ver­lor Jor­da­ni­en die Kon­trol­le über Ost-Jeru­sa­lem, wor­auf hin Isra­el das Gebiet annek­tier­te. Bis heu­te haben nur eine Min­der­heit der inter­na­tio­na­len Staa­ten­ge­mein­schaft die­se Annek­ti­on aner­kannt – vie­le sehen den Bereich als besetz­tes Gebiet an.

1972 regis­trier­te der israe­li­sche Gene­ral­ver­wal­ter die Lie­gen­schaf­ten unter den israe­li­schen Trusts, was wie­der­um die Zah­lung der Trusts-Mie­te durch die dor­ti­gen paläs­ti­nen­si­schen Mieter:innen ver­lang­te.

Die israe­li­schen Trusts ver­kauf­ten die Häu­ser an eine rechts­ge­rich­te­te Sied­ler­or­ga­ni­sa­ti­on, die seit­dem wie­der­holt ver­sucht hat, die paläs­ti­nen­si­schen Bewohner:innen zu ver­trei­ben.

Ungleiche Rechte

Nach dem israe­li­schen Land- und Eigen­tums­ge­set­zen haben Israe­lis das Recht, Eigen­tum in Ost­je­ru­sa­lem, das vor dem Ara­bisch-Israe­li­schen Krieg 1948 Juden gehör­te, zurück­zu­for­dern – aber es gibt kein ähn­li­ches Gesetz, das es Palästinenser:innen erlau­ben wür­de, ihr ver­lo­re­nes Eigen­tum zu bean­spru­chen.

Es geht also nicht nur um Recht auf Wohn­raum oder um Zwangs­räu­mun­gen, son­dern auch im Ver­trei­bung von Palestinenser:innen und israe­li­sche Sied­lungs­po­li­tik.

Sied­ler­grup­pen, die größ­ten­teils von US-Gebern finan­ziert wur­den, konn­ten 2002 43 Palästinenser:innen aus dem Gebiet ver­trei­ben, gefolgt von den Fami­li­en Hanoun und Gha­wi im Jahr 2008 und der Fami­lie Shamas­neh im Jahr 2017.

Am 10. Mai 2021 soll­te erneut der Obers­te Gerichts­hof Isra­els eine Ent­schei­dung dar­über tref­fen, ob die Ver­trei­bung von sechs paläs­ti­nen­si­schen Fami­li­en aus dem Vier­tel Sheikh Jar­rah auf­recht­erhal­ten wer­den soll. Auf­grund der Mas­sen­pro­tes­te wur­de die Ent­schei­dung am 9. Mai 2021 um 30 Tage ver­scho­ben.

Kampf um die Al-Aqsa Moschee

Doch die Zwangs­räu­mun­gen sind nicht der ein­zi­ge Grund für die jet­zi­ge Eska­la­ti­on:

Rich­tung Ende des isla­mi­schen Fas­ten­mo­nats Rama­dan (Mit­te Mai) ver­hin­der­te die Poli­zei mehr­fach, dass sich Palästinenser:innen am Damas­kus-Tor zum Fas­ten­bre­chen sam­mel­ten, wel­ches eines der schöns­ten Ein­gän­ge zur Alten Stadt ist und des­halb gern genutzt wird. Die Poli­zei bau­te Stra­ßen­sper­ren auf und erklär­te, nie­mand dür­fe sich wegen der „öffent­li­chen Sicher­heit“ dort tref­fen, wor­auf­hin es immer wie­der zu Stra­ßen­kämp­fen kam.

Zudem gab es die „Tik­tok-Angrif­fe“: Eini­ge paläs­ti­nen­si­sche Jugend­li­che mach­ten ein Video, wie sie einen ultra­or­tho­do­xen Juden schlu­gen, wel­ches auf der Inter­net-Platt­form Tik­tok viral ging. Dar­auf­hin zogen rech­te Jüdi­sche Grup­pen zum Damas­kus-Tor zogen und rie­fen dabei unter ande­rem „Tod den Ara­bern“.

Zudem gab es von der Nacht des 9. auf den 10. Mai den „Jeru­sa­lem-Tag“ wo eini­ge Israe­lis die „Ver­ei­ni­gung“ im Sechs-Tage-Krieg – also die Beset­zung Ost-Jeru­sa­lems – fei­ern. In der „Flag­gen-Para­de“ zie­hen rechts­ra­di­ka­le Juden durch paläs­ti­nen­si­sche Nach­bar­schaf­ten um zur Kla­ge­mau­er zu kom­men.

Die­se Akti­on fiel nah zusam­men mit dem wich­ti­gen mus­li­mi­schen Fei­er­tag Lai­lat al-Qadr an dem sich tau­sen­de Men­schen in der Al-Axa-Moschee sam­meln, der ein hei­li­ger Ort für Mus­li­me eben­so wie für Jüd:innen ist. Am 10. Mai stopp­te die Poli­zei dann sowohl eine jüdi­sche Grup­pe auf dem Weg zur Moschee, zer­streu­te aber auch die mus­li­mi­schen Grup­pen auf dem Gelän­de der Al-Axa-Moschee mit Gewalt. Es kam zu hef­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, bei der die Poli­zei Trä­nen­gas, Blend­gra­na­ten und Gum­mi­ge­schos­se ein­setz­te. Es gab 330 ver­letz­te Palästinenser:innen, 250 davon wur­den im Kran­ken­haus behan­delt.

Raketen und Bomben

Dar­auf hin for­der­te die Hamas, dass sich die Poli­zei bis um 18 Uhr von der Moschee zurück­zie­hen sol­le. Da dies die Poli­zei nicht tat, wur­den kurz nach sechs die ers­ten Rake­ten abge­feu­ert. Eini­ge wur­den durch das israe­li­sche Rake­ten-Abwehr­sys­tem abge­fan­gen. Ande­re gin­gen in unbe­wohn­tem Gebiet nie­der. Es gab kei­ne Toten oder Ver­let­zen, jedoch Sach­scha­den.

Kurz dar­auf reagier­te die israe­li­sche Armee, noch in der Nacht wur­de eine Rei­he von Zie­le im Gaza-Strei­fen ange­grif­fen. Es wur­den Hoch­häu­ser zer­stört, auch Kin­der star­ben. Dar­auf­hin wur­den erneut Rake­ten abge­feu­ert – die­ses mal auf Tel Aviv. Der Bom­ben- und Rake­ten-Krieg eska­lier­te – jedoch mit unglei­chem Aus­gang: Bis zum 14. Mai wur­den in Gaza min­des­tens 126 Men­schen getö­tet, dar­un­ter 31 Min­der­jäh­ri­ge, und mehr als 950 wei­te­re wur­den ver­letzt. Acht Todes­fäl­le in Isra­el wur­den gemel­det.

Isra­el und Paläs­ti­na: Die Hoff­nung liegt auf den Aus­ge­beu­te­ten und Unter­drück­ten

Der Bei­trag Zwangs­räu­mun­gen und Kampf um die Al-Aqsa Moschee – wie kam es zur Eska­la­ti­on in Israel/​Palästina? erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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