[ISO:] In Palästina eskaliert die ethnische Säuberung

Die
Geschich­te wie­der­holt sich: Die ers­te paläs­ti­nen­si­sche Inti­fa­da begann im
Dezem­ber 1987, als Tage­löh­ner aus Gaza bei einem Ver­kehrs­un­fall an einem
israe­li­schen Grenz­über­gang getö­tet wur­den. Die zwei­te brach im Sep­tem­ber 2000
aus, nach­dem Ari­el Sharon, der sich um das Amt des israe­li­schen
Pre­mier­mi­nis­ters bewarb, in Beglei­tung von 1000 schwer bewaff­ne­ten Poli­zis­ten
einen absicht­lich pro­vo­ka­ti­ven Marsch zum „Tem­pel­berg“ in Jeru­sa­lem insze­nier­te.

Die
Ursprün­ge des aktu­el­len Aus­bruchs sind kei­nes­wegs unklar. Pre­mier­mi­nis­ter
Ben­ja­min Netan­ja­hu, der inmit­ten sei­nes Kor­rup­ti­ons­pro­zes­ses und Isra­els
dys­funk­tio­na­lem poli­ti­schem Still­stand um sei­nen Macht­er­halt kämpft, schick­te
zum hei­kels­ten Zeit­punkt wäh­rend der Gebe­te in den letz­ten Tagen des Rama­dan
Armee und Poli­zei in die al-Aqsa-Moschee im Her­zen des besetz­ten Ost­je­ru­sa­lems.

Die­se
Pro­vo­ka­ti­on geschah, wäh­rend gleich­zei­tig ultra­na­tio­na­lis­ti­sche „Jewish Power“-Mobs
durch die Stadt mar­schier­ten und ara­bi­sche Bewohner*innen gewalt­sam angrif­fen
und wäh­rend eine Ent­schei­dung über die Mas­sen­ent­eig­nung paläs­ti­nen­si­scher
Häu­ser im Vier­tel Scheich Dschar­rah, damit (auf der Grund­la­ge von
Eigen­tums­an­sprü­chen aus dem 19. Jahr­hun­dert) Platz für israe­li­sche Siedler*innen
geschaf­fen wird, in dem schwer­fäl­li­gen israe­li­schen Gerichts­sys­tem ansteht. Palästinenser*innen
leis­te­ten in den Stra­ßen Jeru­sa­lems Wider­stand gegen die eska­lie­ren­de
israe­li­sche Repres­si­on mit Gum­mi­ge­schos­sen, gif­ti­gem Pfef­fer­gas und „skunk water“[ dem stark übel rie­chen­den Kampf­mit­tel, das für „Crowd
Con­trol“ wird], dabei wur­den
vie­le Hun­dert ver­wun­det und ver­haf­tet.

Von dem
Gaza­strei­fen aus, wo die Popu­la­ri­tät der regie­ren­den Hamas-Bewe­gung abge­nom­men
hat, feu­ern deren Kräf­te Rake­ten auf israe­li­sche Städ­te ab. Die uner­war­te­te
Reich­wei­te der Hamas-Rake­ten stei­gert momen­tan das Pres­ti­ge von Hamas und wur­de
von Isra­el mit mas­si­ven Bom­bar­die­run­gen des Gaza­strei­fens beant­wor­tet, dadurch
sind bereits Dut­zen­de von Kin­dern getö­tet wor­den. Wie immer kommt das Hoch­fah­ren
der mili­tä­ri­schen Kon­fron­ta­ti­on dem israe­li­schen Staat zugu­te, da er auf dem
mili­tä­ri­schen Schau­platz eine abso­lu­te ein­sei­ti­ge Über­le­gen­heit genießt – und er
hat den Vor­wand, es gel­te sei­ne Zivil­be­völ­ke­rung gegen die Fol­gen sei­ner
eige­nen Gewalt zu „ver­tei­di­gen“.

Vie­len
Berich­ten zufol­ge ist die wach­sen­de Betei­li­gung paläs­ti­nen­sisch-ara­bi­scher Bürger*innen
von Isra­el an den Kämp­fen und an der Ver­tei­di­gung Ost­je­ru­sa­lems gegen die
eska­lie­ren­de eth­ni­sche Säu­be­rung ein neu­es Merk­mal der gegen­wär­ti­gen Kämp­fe.
Die lang­fris­ti­ge Bedeu­tung die­ser Ent­wick­lung, und ob der gegen­wär­ti­ge Moment
der Beginn einer neu­en Inti­fa­da oder eine wei­te­re Dre­hung der Abwärts­spi­ra­le bei
der Zer­stö­rung Paläs­ti­nas durch das israe­li­sche Kolo­ni­al- und Apart­heid­re­gime
ist, wird sich erst mit der Zeit zei­gen und kann von außen nicht vor­her­ge­sagt
wer­den.

Es ist Jahr­zehn­te her, dass der paläs­ti­nen­si­sche Kampf um Selbst­be­stim­mung als revo­lu­tio­nä­re Bedro­hung der regio­na­len Inter­es­sen der Groß­mäch­te wahr­ge­nom­men wur­de.

Etwas kla­rer ist dage­gen die unmit­tel­ba­re Reak­ti­on des ver­rot­te­ten Hau­fens, der als „inter­na­tio­na­le Gemein­schaft“ bezeich­net wird, wie immer ange­führt von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Unter „nor­ma­len“ Umstän­den bie­tet das, was in Palästina/​Israel pas­siert, kaum noch Anlass zu erns­ter Sor­ge für die impe­ria­lis­ti­sche Welt. Es ist Jahr­zehn­te her, dass der paläs­ti­nen­si­sche Kampf um Selbst­be­stim­mung als revo­lu­tio­nä­re Bedro­hung der regio­na­len Inter­es­sen der Groß­mäch­te wahr­ge­nom­men wur­de. Die for­ma­le „Nor­ma­li­sie­rung“ der staat­li­chen Bezie­hun­gen zwi­schen Isra­el und den ara­bi­schen Golf­re­gi­men in einer poli­tisch-mili­tä­ri­schen Alli­anz gegen den Iran hat öffent­lich bekannt gemacht, was inof­fi­zi­ell schon seit eini­gen Jah­ren geschieht. Die Sor­ge der Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist, dass der gegen­wär­ti­ge Gewalt­aus­bruch die­ses wich­ti­ge Arran­ge­ment unter­gra­ben könn­te.

Dem­entspre­chend
kon­zen­trie­ren sich die Ver­laut­ba­run­gen der Biden-Admi­nis­tra­ti­on vor allem auf
einen Punkt: „Stoppt die Gewalt (auf bei­den Sei­ten, ver­steht sich). Dees­ka­liert
und stellt die Ruhe wie­der her, damit der Frie­dens­pro­zess wie­der­be­lebt wird.“

In unter­ge­ord­ne­ten
und kaum hör­ba­ren Wen­dun­gen betont Washing­ton natür­lich sei­ne Besorg­nis über
die Ver­trei­bun­gen aus paläs­ti­nen­si­schen Stadt­tei­len. Was all die­ser Müll
wirk­lich bedeu­tet, ist klar: Isra­els eth­ni­sche Säu­be­rung von Scheich Dschar­rah,
Sil­wan, den süd­li­chen Hebron-Hügeln und so vie­len ande­ren Orten in ganz
Paläs­ti­na ist nicht wirk­lich ein Pro­blem, solan­ge es rela­tiv unauf­fäl­lig und „ruhig“
geschieht. Spielt es für die impe­ria­len Eli­ten wirk­lich eine Rol­le, wie vie­le
Kugeln noch in den längst toten Leich­nam der „Zwei­staa­ten­lö­sung“ abge­feu­ert
wer­den? In der Fan­ta­sie­welt von Diplo­ma­tie und Ver­ses­se­nen lässt sich die
Behaup­tung, sie sei nach wie vor rele­vant, unbe­grenzt auf­recht­erhal­ten. Der
israe­li­sche Staat weiß, dass das Fun­da­ment sei­ner „beson­de­ren Bezie­hung“ zu den
Ver­ei­nig­ten Staa­ten trotz vor­über­ge­hen­der Unstim­mig­kei­ten intakt bleibt.

In der
rea­len Welt, in der die Palästinenser*innen ver­zwei­felt dar­um kämp­fen, ihre
Häu­ser und ihr Hei­mat­land zu behal­ten, zählt die welt­wei­te Reak­ti­on an der
Basis. In vie­len US-Städ­ten wer­den in kür­zes­ter Zeit Demons­tra­tio­nen und
Kund­ge­bun­gen von paläs­ti­nen­si­schen Akti­vis­ten­grup­pen und
Soli­da­ri­täts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie „Jewish Voice for Peace“ orga­ni­siert, um den
Wider­stand zu unter­stüt­zen und den Jah­res­tag der Nak­ba (der paläs­ti­nen­si­schen
Kata­stro­phe) des Krie­ges von 1948 zu bege­hen. Wir rufen Aktivist*innen für
sozia­le Gerech­tig­keit und poli­ti­sche Aktivist*innen in den USA drin­gend auf,
die­se Akti­vi­tä­ten mit­zu­tra­gen und sich ihnen anzu­schlie­ßen. Dar­über hin­aus gibt
es kon­ti­nu­ier­lich län­ger­fris­ti­ge poli­ti­sche Kam­pa­gnen und Geset­zes­vor­stö­ße, die
zu unter­stüt­zen sind.

Ein
wich­ti­ges The­ma ist jetzt gera­de der Gesetz­ent­wurf HR 2407, der von der
Abge­ord­ne­ten Bet­ty McCol­lum (Demo­cra­tic-Far­mer-Labor Par­ty, Min­ne­so­ta) in den
Kon­gress ein­ge­bracht wor­den und unter der Bezeich­nung „No Way to Tre­at a Child“
bekannt ist.[i] Er for­dert die Strei­chung der
US-Mili­­tär­hil­fe für Län­der, die Kin­der gefan­gen hal­ten. Isra­el ist in die­ser
Hin­sicht beson­ders berüch­tigt, auch wegen der Inhaf­tie­rung von Kin­dern ohne
Gerichts­ver­fah­ren unter Bedin­gun­gen, die nach inter­na­tio­na­lem Recht der Fol­ter
gleich­kom­men. Die­se Initia­ti­ve ist in einer Pha­se, in dem ihre Unterstützer*in­nen
im Kon­gress im Wesent­li­chen die bedin­gungs­lo­se Unter­stüt­zung der Biden-Admi­nis­tra­ti­on
für Isra­el in Fra­ge stel­len, beson­ders wich­tig.

Es ist auch
ent­schei­dend, dass die glo­ba­le BDS-Kam­pa­gne (Boy­kott, Des­in­ves­ti­tio­nen, Sank­tio­nen)[ii] zur Ver­tei­di­gung der
paläs­ti­nen­si­schen Rech­te aus­ge­baut und ver­tei­digt wird. Um zu ver­ste­hen war­um,
soll­te jeder und jede den bri­san­ten neu­en Bericht von Human Rights Watch vom
27. April 2021 lesen: „Eine Schwel­le über­schrit­ten: Israe­li­sche Behör­den und
die Ver­bre­chen der Apart­heid und Ver­fol­gung“.[iii]

Wir wis­sen nicht,
wie lan­ge die unmit­tel­ba­re Kri­se, die die Schlag­zei­len und die Bericht­erstat­tung
in der Welt beherrscht, andau­ern wird und ob sie zu einer anhal­ten­den neu­en
Run­de des Wider­stands und zum Durch­bre­chen der poli­ti­schen Blo­cka­de auf der
paläs­ti­nen­si­schen Sei­te oder womög­lich zu einem neu­en Krieg und einer
Mas­sen­ver­trei­bung von Palästinenser*innen füh­ren wird, vor der auf­merk­sa­me
Beobachter*innen in Isra­el gewarnt haben. Es ist jetzt an der Zeit zu spre­chen
und zu han­deln.

12. Mai 2021

Aus dem Eng­li­schen über­setzt von B. A.

Quel­le:
David Fin­kel for the Soli­da­ri­ty Natio­nal Com­mit­tee, „Eth­nic Clean­sing Esca­la­tes
in Pales­ti­ne: U.S. Says ‚Stay Cal­mʻ“, https://​soli​da​ri​ty​-us​.org/​e​t​h​n​i​c​-​c​l​e​a​n​s​i​n​g​-​e​s​c​a​l​a​t​e​s​-​i​n​-​p​a​l​e​s​t​i​n​e​-​u​-​s​-​s​a​y​s​-​s​t​a​y​-​c​a​lm/;
https://​inter​na​tio​nal​view​point​.org/​s​p​i​p​.​p​h​p​?​a​r​t​i​c​l​e​7​140


[i]
Eine Lis­te von mehr als zwei
Dut­zend Co-Spon­so­ren [dar­un­ter sind Alex­an­dria Oca­sio-Cor­tez, Ilhan
Omar, Rashi­da Tlaib, Aya­na Press­ley, Jamaal Bow­man, Cori Bush] ist zusam­men mit Fak­ten und Links zu
Men­schen­rechts­be­rich­ten zu fin­den unter https://mccollum.house.gov./palestinianchildrensrights.

[ii]
https://​bds​mo​ve​ment​.net/

[iii]
https://​www​.hrw​.org/​r​e​p​o​r​t​/​2​0​2​1​/​0​4​/​2​7​/​t​h​r​e​s​h​o​l​d​-​c​r​o​s​s​e​d​/​i​s​r​a​e​l​i​-​a​u​t​h​o​r​i​t​i​e​s​-​a​n​d​-​c​r​i​m​e​s​-​a​p​a​r​t​h​e​i​d​-​a​n​d​-​p​e​r​s​e​c​u​t​ion

[Zusam­men­fas­sung des 213 Sei­ten umfas­sen­den Berichts auf Deutsch: https://​www​.hrw​.org/​d​e​/​n​e​w​s​/​2​0​2​1​/​0​4​/​2​7​/​r​e​c​h​t​e​v​e​r​l​e​t​z​e​n​d​e​-​i​s​r​a​e​l​i​s​c​h​e​-​p​o​l​i​t​i​k​-​s​t​e​l​l​t​-​v​e​r​b​r​e​c​h​e​n​-​d​e​r​-​a​p​a​r​t​h​e​i​d​-​und]

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