[perspektive:] Zwangsräumung bald per App?

Ein Kölner Wohnungsunternehmen hat voll digitalisiertes Gebäude mit 32 Mietwohnungen fertig gestellt. Hier werden klingelnde Besucher:innen mit Bild aufs Handy gesendet und die Heizung bei zu lange geöffnetem Fenster automatisch heruntergefahren. Auch einen eigenen Schlüssel hat man nicht mehr, sondern öffnet Keller, Briefkasten und Haustüre über das Smartphone. Erfolgsgeschichte oder Dystopie für Mieter:innen?

„Klapp­ri­ge Schlüs­sel bekom­men hier einen grau­en Bart – denn was es gar nicht gibt, kann man auch nicht ver­lie­ren.“ – so preist das ein Köl­ner Immo­bi­li­en-Unter­neh­men ihr neu­es Woh­nungs­ob­jekt in Köln-Ehren­feld an. Bei dem Neu­bau mit 32 Miet­ein­hei­ten gibt es näm­lich kei­nen Schlüs­sel mehr.

Auf den ers­ten Blick mag dies kom­for­ta­bel schei­nen: das Haus ver­schließt sich selbst wenn man das Haus ver­lässt – Freun­de kann man auch von Unter­wegs aus ins Haus las­sen.

Und nicht nur das: eine IP-Klin­gel­an­la­ge kün­digt Besucher:innen in Ton und Bild via App auf dem Mobil­te­le­fon an; Jalou­sien und Licht­schal­ter kön­nen per Smart­pho­ne gesteu­ert wer­den; die Hei­zung kann auto­ma­tisch her­un­ter­ge­fah­ren wer­den, sobald Fens­ter oder Bal­kon­tür zu lan­ge geöff­net blei­ben.

Zudem sol­len alle ener­ge­ti­schen Daten auch bequem per App ables­bar sein kön­nen. Auch das Sozia­le hat man nicht ver­ges­sen: eine Kita befin­det sich gleich im Objekt mit drin.

Digitale Revolution oder Dystopie?

Sol­che und ande­re Neu­ent­wick­lun­gen in ver­schie­de­nen Berei­chen rund um das „Smart Home“ schwan­ken zwi­schen net­ten Spie­le­rei­en und tat­säch­li­chen All­tags­er­leich­te­run­gen. Doch auch die „Neben­wir­kun­gen“ sol­cher Digi­ta­li­sie­run­gen sind auf den ers­ten Blick zu erken­nen.

Digi­ta­li­sier­te Ver­brauchs­an­zei­gen ermög­li­chen einem Ver­mie­ter poten­zi­ell eine 24/​7‑Übersicht über das Ver­hal­ten „sei­ner“ Mieter:innen in der Miets­woh­nung – wie lan­ge brennt das Licht? Wo wird wie lan­ge geheizt? All dass lässt Schluss­fol­ge­run­gen zum Mieter:innen-Verhalten zu. Dass die Kon­trol­le über die­se Daten aus­schließ­lich in der Hand der Mieter:innen bleibt ist unwahr­schein­lich.

Auch den eige­nen Schlüs­sel aus der Hand zu geben birgt gefah­ren. Was geschieht in Zukunft bei Miet­strei­tig­kei­ten? Wenn der Mie­ten­de zum Bei­spiel wegen eines Man­gels die Mie­te über län­ge­re Zeit min­dert, der Ver­mie­ter dies jedoch nicht aner­kennt? Zwei Monats­mie­ten kön­nen da schnell zusam­men­kom­men, die einem Ver­mie­ter eine frist­lo­se Kün­di­gung ermög­li­chen.

Kann man dann ab dem Kün­di­gungs­da­tum ein­fach nicht mehr in die eige­ne Woh­nung, weil der „Smart­pho­ne-Schlüs­sel“ gesperrt ist, auch wenn ein Rechts­streit noch läuft? Im schlimms­ten Fall kön­nen sol­che Ent­wick­lun­gen in Zukunft die Zwangs­räu­mung per App bedeu­ten.

Smart-Home für die jungen Familien mit großem Geldbeutel

Für die neu­en Mieter:innen in Köln-Ehren­feld dürf­ten die­se Gefah­ren noch weit ent­fernt sein. Denn über Pro­ble­me bei der Miet­zah­lung dürf­ten die­se sich sel­ten Gedan­ken machen. 17€ kos­tet der m² – kalt. Ein Sin­gle kommt dann in der 2‑Zim­mer-Woh­nung mit 53m² auf 901€ Kalt­mie­te. Nur wer zu den obers­ten 10% gehört zieht in eine sol­che Woh­nung ein.

Für das ehe­ma­li­ge Arbeiter:innen-Viertel Köln-Ehren­feld dürf­te die­ses neue Luxus-Miets­haus sicher ein Beschleu­ni­ger der viel dis­ku­tier­ten „Gen­tri­fi­zie­rung“ sein. Damit wird für Mieter:innen mit durch­schnitt­li­chem Geld­beu­tel die Ver­drän­gung aus ihren ange­stamm­ten „Veede­ln“ die unmit­tel­bars­te Fol­ge eines sol­ches „Smart-Home“ in der Nach­bar­schaft sein. Doch was wenn sol­che „digi­ta­li­sier­ten Woh­nun­gen“ in zehn oder zwan­zig Jah­ren Schu­le machen?

Großkonzerne stehen in den Startlöchern

„Noch rech­net sich das nicht“, erklärt der Geschäfts­füh­rer des Köl­ner Unter­neh­mens gegen­über dem Han­dels­blatt. Doch wie so oft wer­den neue Tech­no­lo­gien mit der Zeit immer bil­li­ger und dann auch oft­mals auf Mas­sen­ba­sis ein­ge­führt.

Groß­kon­zer­ne berei­ten sich bereits dar­auf vor. So kom­mu­ni­ziert Deutsch­lands größ­ter Ver­mie­ter Vono­via mitt­ler­wei­le auch per App mit sei­nen Mieter:innen. 45.000 Men­schen nut­zen die­ses Ange­bot pro Tag „Das führt natür­lich zu einem bes­se­ren Ser­vice, aber auch zu nied­ri­ge­ren Kos­ten“, erklär­te Rolf Buch, Vor­stands­vor­sit­zen­der des umstrit­te­nen Woh­nungs­kon­zerns.

Sobald auch digi­ta­li­sier­te Woh­nun­gen zu „nied­ri­ge­ren Kos­ten“ füh­ren – bei­spiels­wei­se in dem Säu­mi­ge Mieter:innen schnel­ler ent­fernt wer­den – wer­den auch Deutsch­lands größ­te Woh­nungs­un­ter­neh­men die­se Ele­men­te ein­füh­ren. Kein guter Moment für die­je­ni­gen, die dann kei­nen dicken Geld­beu­tel haben.

Der Bei­trag Zwangs­räu­mung bald per App? erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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