[Autonomie Mag.:] Der surreale Kampf der ZapatistInnen für das Leben – und gegen den Kapitalismus

Eine Dele­ga­ti­on der Zapa­tis­tIn­nen segelt nach Euro­pa. Nicht um zu erobern, son­dern um Kon­tak­te zu knüp­fen und sich mit ande­ren Auf­stän­di­schen zusam­men­zu­tun und gemein­sam mit ihnen zu kämp­fen.

Im Namen der zapa­tis­ti­schen Frau­en, Kin­der, Män­ner, Alten und natür­lich auch Ande­rer erklä­re ich, dass der Name die­ses Lan­des, das sei­ne Ein­ge­bo­re­nen jetzt ‚Euro­pa‘ nen­nen, von nun an SLUMIL K’AJXEMK’OP hei­ßen wird, was ‚Auf­stän­di­sches Land‘ oder ‚Land, das nicht auf­gibt, das nicht ohn­mäch­tig wird‘ bedeu­tet. Und so wird es von den eige­nen und ande­ren Men­schen genannt wer­den, solan­ge es hier jeman­den gibt, der nicht auf­gibt, der sich nicht ver­kauft und der sich nicht unter­wirft.“

Das sind die Wor­te, die laut Sup­Ga­lea­no von Mari­jo­sé gespro­chen wer­den, wenn sie euro­päi­schen Boden betre­ten, nach­dem sie den Atlan­tik mit der Mon­ta­ña über­quert haben, dem Boot, das am 3. Mai von Mexi­ko aus star­te­te und vor­aus­sicht­lich irgend­wann im Juni die spa­ni­sche Küs­te errei­chen wird.

Mari­jo­sé ist eines der sie­ben Mit­glie­der – vier Frau­en, zwei Män­ner und eine Trans­gen­der-Per­son („unoa otroa“ im zapa­tis­ti­schen Lexi­kon) – des zapa­tis­ti­schen Geschwa­ders 421, das sich auf eine „Rei­se für das Leben“ bege­ben hat. Spä­ter wird sich ihnen eine wei­te­re Grup­pe von Zapa­tis­tIn­nen anschlie­ßen, die mit dem Flug­zeug nach Euro­pa rei­sen wird und gemein­sam wer­den sie etwa 30 Orte in Euro­pa berei­sen. Dies soll die ers­te von meh­re­ren Rei­sen sein, bei denen die Zapa­tis­tIn­nen pla­nen, sich mit ande­ren Kämp­fen für das Leben auf allen Kon­ti­nen­ten zu ver­bin­den.

Wie wun­der­bar und albern, sur­re­al und bril­lant! Wie wahn­sin­nig schön!

Sich die Hän­de rei­chen, um die Zukunft zu erschaf­fen.

Mari­jo­sés Wor­te sind die Kom­bi­na­ti­on aus Humor, Ein­fach­heit und theo­re­ti­scher Tie­fe, die wir mit den Zapa­tis­ten ver­bin­den, seit sie sich am 1. Janu­ar 1994 zum ers­ten Mal zur Rebel­li­on erho­ben. Um für das Leben zu kämp­fen, das jetzt so ein­deu­tig gefähr­det ist, stel­len sie die Welt auf den Kopf. Sie segeln in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung von Kolum­bus und den Con­quis­ta­do­res, um eine Welt der Rebel­len zu ent­de­cken. Sie gehen nicht, um Erobe­rer zu fin­den und um von ihnen eine Ent­schul­di­gung zu ver­lan­gen, sie gehen, um Auf­stän­di­sche zu fin­den und sich ihnen im Kampf anzu­schlie­ßen.

Hier ist nicht die Rede von Impe­ria­lis­mus oder Kolo­nia­lis­mus, nichts von der alt­her­ge­brach­ten lin­ken Tra­di­ti­on, den sozia­len Ant­ago­nis­men ter­ri­to­ria­le Defi­ni­tio­nen auf­zu­drän­gen, son­dern etwas viel ein­fa­che­res, viel direk­te­res: Die Auf­stän­di­schen einer Geo­gra­fie gehen, um den Auf­stän­di­schen einer ande­ren die Hand zu rei­chen. Denn das ist die ein­zi­ge Mög­lich­keit, eine Zukunft zu erschaf­fen.

Eine Ein­la­dung also, nicht so sehr, um sich mit den hel­den­haf­ten Indi­ge­nen von Chia­pas zu soli­da­ri­sie­ren – denn der Begriff der Soli­da­ri­tät schafft sofort ein „sie“ in der drit­ten Per­son –, son­dern um Slu­mil K’ajxemk’op anzu­er­ken­nen und zu erschaf­fen, das auf­stän­di­sche Land, das als Euro­pa bekannt ist, ein Land, das von Men­schen bevöl­kert wird, die in vie­len ver­schie­de­nen Geo­gra­fien gebo­ren wur­den. Ein Land, das vom Geld regiert wird, ein Land, das Teil des Impe­ri­ums des Gel­des ist – der glei­chen bösen Macht, die auf allen Kon­ti­nen­ten herrscht und uns in einen sich beschleu­ni­gen­den Tai­fun der Zer­stö­rung zieht. Eine böse Macht, die regiert, aber nicht voll­stän­dig regiert, weil der Kon­ti­nent Euro­pa – wie alle Kon­ti­nen­te – ein auf­stän­di­sches Land ist, in dem die Men­schen nicht kapi­tu­lie­ren, sich nicht ver­kau­fen, sich nicht unter­wer­fen.

Der Auf­stand nimmt vie­le For­men an, denn das Geld ist eine Hydra mit vie­len Köp­fen, jeder mit einem ande­ren Gesicht des Ter­rors. Die­se erzeu­gen vie­le Schmer­zen, die alle auf die eine oder ande­re Wei­se die unse­ren sind, denn von den ver­schie­de­nen Din­gen, die uns in unse­ren Unter­schie­den ver­ei­nen, sind die ers­ten bei­den: „dass wir die Schmer­zen der Welt zu unse­ren machen: die Gewalt gegen Frau­en; die Ver­fol­gung und Ver­ach­tung derer, die in ihrer affek­ti­ven, emo­tio­na­len, sexu­el­len Iden­ti­tät anders sind; die Ver­nich­tung der Kind­heit; der Völ­ker­mord an den indi­ge­nen Völ­kern; Ras­sis­mus; Mili­ta­ris­mus; Aus­beu­tung; Ent­eig­nung; die Zer­stö­rung der Natur.“ Und „die Ein­sicht, dass es ein Sys­tem ist, das für die­se Schmer­zen ver­ant­wort­lich ist. Der Hen­ker ist ein aus­beu­te­ri­sches, patri­ar­cha­les, pyra­mi­da­les, ras­sis­ti­sches, die­bi­sches, kri­mi­nel­les Sys­tem: der Kapi­ta­lis­mus.“ Das Land der Auf­stän­di­schen ist ein Land der vie­len Kämp­fe gegen die vie­len Gesich­ter des Mons­ters.

Die Rei­se der Zapa­tis­tIn­nen ist ein sich die Hän­de rei­chen, nicht um zu füh­ren, son­dern um zu tei­len. Ein Händ­chen­hal­ten, ein gegen­sei­ti­ger Fluss von Ener­gien, ein Fun­ke viel­leicht. Ein Aus­tausch von unter­schied­li­chen Erfah­run­gen des gemein­sa­men Kamp­fes, um die Hydra zu töten. Ein Ler­nen, das ein Leh­ren ist, ein Leh­ren, das ein Ler­nen ist. Nicht nur ein impro­vi­sier­ter Aus­tausch, son­dern eine Ver­tie­fung des Aus­tau­sches, der seit vie­len Jah­ren besteht und der von vie­len Men­schen sehr sorg­fäl­tig vor­be­rei­tet wird, seit die Zapa­tis­ten im Okto­ber letz­ten Jah­res ihren Plan bekannt gaben.

Es wird, muss, ein Aus­stre­cken der Hän­de sein, um die ihren zu hal­ten. Von all den Indi­vi­du­en und Grup­pen, die sich, wie ich, in den Jah­ren seit ihrem ers­ten Auf­tau­chen in sie ver­liebt haben. Aber es wird – muss – mehr sein als das. Es ist zu hof­fen, dass die ver­rück­te Rei­se Men­schen weit über die „übli­chen Ver­däch­ti­gen“ hin­aus berüh­ren wird, weit über die Welt der Akti­vis­tIn­nen hin­aus.

Ein Vul­kan, der dar­auf war­tet, aus­zu­bre­chen

Aus offen­sicht­li­chen Grün­den gab es im letz­ten Jahr nur weni­ge gro­ße Wel­len poli­ti­scher Pro­tes­te, weder in Euro­pa noch irgend­wo sonst. Aber es gibt ein gro­ßes Gefühl des Ersti­ckens, der auf­ge­stau­ten Frus­tra­ti­on. Wir kön­nen nicht atmen. Wahr­schein­lich gibt es ein wach­sen­des Gefühl, dass das Sys­tem zusam­men­bricht, dass der Kapi­ta­lis­mus nicht funk­tio­niert. Es mag kei­nen kla­ren poli­ti­schen Aus­druck fin­den, oder irgend­ei­nen Aus­druck, den wir als „unse­ren“ in irgend­ei­nem Sin­ne erken­nen und wahr­schein­lich ist für die meis­ten Men­schen im Moment die Haupt­sor­ge, zu einer Art Nor­ma­li­tät zurück­zu­keh­ren, wie schäd­lich die­se Nor­ma­li­tät auch sein mag.

Und doch gibt es ein Bewusst­sein dafür, dass der Kapi­ta­lis­mus ein geschei­ter­tes Sys­tem ist. Durch sei­ne Zer­stö­rung der natür­li­chen Arten­viel­falt hat er eine Pan­de­mie aus­ge­löst, die Mil­lio­nen von Men­schen getö­tet und die Lebens­be­din­gun­gen für fast die gesam­te Welt­be­völ­ke­rung ver­än­dert hat. Eine Pan­de­mie, auf die wahr­schein­lich wei­te­re fol­gen wer­den. Sein uner­bitt­li­ches Pro­fit­stre­ben erzeugt einen Kli­ma­wan­del, der bereits jetzt enor­me Fol­gen für das mensch­li­che Leben und das Leben so vie­ler ande­rer Arten hat.

Vie­le Eltern gehen heu­te davon aus, dass ihre Kin­der schlech­te­re Lebens­be­din­gun­gen erle­ben wer­den als sie selbst, und tat­säch­lich sind es die Jun­gen, die unter den schlimms­ten Fol­gen des Sys­tem­ver­sa­gens lei­den.

Es gibt eine gan­ze Welt des Bewusst­seins, dass der Kapi­ta­lis­mus ein Miss­erfolg ist, eine Welt von Men­schen, die den Glau­ben an das Sys­tem ver­lie­ren, eine Welt der Ersti­ckung und Frus­tra­ti­on. Ein Vul­kan, der dar­auf war­tet, aus­zu­bre­chen? Wer weiß das schon? Da ich unter einem Vul­kan lebe, weiß ich, dass es schwer ist, das Wie oder das Wann von Erup­tio­nen vor­her­zu­sa­gen. Aber Kolum­bi­en und jetzt Paläs­ti­na, bei­de in den letz­ten Tagen, deu­ten auf die enor­me Kraft hin, die auf­ge­stau­te Span­nun­gen haben kön­nen.

Es gibt eine Dring­lich­keit in all dem. Als sich die Zapa­tis­tIn­nen im Neu­jahr 1994 erho­ben, gab es eine rie­si­ge Reak­ti­on der Unter­stüt­zung für sie in Mexi­ko, enor­me Demons­tra­tio­nen, die die Regie­rung zwan­gen, den mili­tä­ri­schen Angriff auf ihre Bewe­gung zu stop­pen. Aber die rie­si­ge Wel­le der Sym­pa­thie war nicht groß genug, um den Staat zu stür­zen und die Gesell­schaft in Mexi­ko zu ver­än­dern. Man kann sich des Gedan­kens nicht erweh­ren, dass, wenn die Reak­ti­on grö­ßer gewe­sen wäre, sie die sozia­le Des­in­te­gra­ti­on hät­te auf­hal­ten kön­nen, die seit­dem statt­ge­fun­den hat, mit Hun­dert­tau­sen­den von haupt­säch­lich jun­gen Men­schen, die gewalt­sam getö­tet wur­den, mehr als hun­dert­tau­send „Ver­schwun­de­nen“, mehr und mehr Frau­en, die jeden Tag getö­tet wer­den, weil sie Frau­en sind.

In Euro­pa und in der gan­zen Welt wächst die Erkennt­nis, dass die Krus­te der Zivi­li­sa­ti­on dünn gewor­den ist. „Die Din­ge fal­len aus­ein­an­der; das Zen­trum kann nicht hal­ten“, Yeats’ berühm­te Zei­le aus sei­nem Gedicht The Second Com­ing, wird immer öfter zitiert. Aber die Zivi­li­sa­ti­on kann nicht aus dem Zen­trum geret­tet wer­den. Der ein­zi­ge Weg, eine „zivi­li­sier­te“, sozi­al­ver­träg­li­che Gesell­schaft zu schaf­fen, ist die Abschaf­fung des Kapi­ta­lis­mus und die Schaf­fung ande­rer, gegen­sei­tig aner­kann­ter Lebens­for­men. Die Auf­ga­be ist dring­lich, die Fens­ter der Mög­lich­kei­ten schlie­ßen sich.

Eine alber­ne Rei­se

Sur­re­al? Sicher­lich. Der Sur­rea­lis­mus der zapa­tis­ti­schen Rei­se ist kei­ne Aus­schmü­ckung, er gehört zum Herz­stück ihrer Poli­tik. Immer wie­der haben uns die Zapa­tis­tIn­nen mit ihren Initia­ti­ven über­rascht, aber die­se ist viel­leicht die wun­der­sams­te von allen. Mit­ten in der Pan­de­mie – und die Zapa­tis­tIn­nen waren rigo­ros in der Ein­hal­tung von Vor­sichts­maß­nah­men, sie haben sie ein­ge­führt, noch bevor der mexi­ka­ni­sche Staat oder die meis­ten ande­ren Staa­ten über­haupt etwas taten – und ohne einen Ver­trag mit Net­flix zu unter­zeich­nen, haben sie das erstaun­lichs­te Stück Thea­ter geschaf­fen. Sie haben den Atlan­ti­schen Oze­an zu ihrer Büh­ne gemacht, bevor sie sich auf etwa 30 ver­schie­de­ne Geo­gra­fien des neu benann­ten – sicher­lich nicht getauf­ten – Kon­ti­nents Slu­mil K’ajxemk’op aus­brei­ten wer­den.

Es geht dar­um, das revo­lu­tio­nä­re Den­ken an einen Ort zu brin­gen, an den es noch nie zuvor gelangt ist. Es bedeu­tet, den Kampf für das Leben und gegen den Kapi­ta­lis­mus – denn der Kampf für das Leben muss ein Kampf gegen den Kapi­ta­lis­mus sein – in eine neue sur­rea­le Dimen­si­on zu füh­ren. Der Sur­rea­lis­mus ist ent­schei­dend, weil er die Logik des Kapi­tals und sei­nes Staa­tes bricht, die unse­re Träu­me von etwas Bes­se­rem bestän­dig in eine Repro­duk­ti­on des­sel­ben Sys­tems des Todes hin­ein­zieht.

Lest sie, lest sie, lest sie! Lest, was sie sagen. Lest die sechs Tei­le des Tex­tes, der die­se ver­rück­te Rei­se ankün­dig­te, in der Rei­hen­fol­ge, in der sie her­aus­ge­ge­ben wur­den, vom sechs­ten zum ers­ten – natür­lich. Lest, was sie über ihre Rei­se sagen, schaut euch ihre Vide­os und Fotos an, von denen die meis­ten auf Enlace Zapa­tis­ta in ver­schie­de­nen Spra­chen zu fin­den sind, ver­folgt die Debat­ten rund um die Rei­se auf Sei­ten wie Com­mu­ni­zar und hört ihnen zu.

Und vor allem: Schließt euch ihnen auf ihrer absur­den Rei­se an. Schließt euch ihnen an und lasst sie euch anschlie­ßen. Teilt eure Kämp­fe und eure sur­re­al-zu-rea­len Vul­ka­ne. Und viel­leicht wird das uns allen hel­fen, Hoff­nung zu atmen.


Der Autor dankt Edith Gon­zá­lez, Panagio­tis Dou­los, Nés­tor López, Mari­os Panier­a­kis, Azi­ze Aslan, Eloí­na Pelá­ez und Lars Stub­be für ihre Kom­men­ta­re zu einem frü­he­ren Ent­wurf die­ses Bei­trags.


John Hol­lo­way ist Pro­fes­sor für Sozio­lo­gie am Insti­tu­to de Cien­ci­as Socia­les y Huma­ni­dades, Benemé­ri­ta Uni­ver­sidad Autó­no­ma de Pue­bla. Zu sei­nen Büchern gehö­ren Chan­ge the World without Taking Power (Plu­to Press, Lon­don, 2002, 2019) und Crack Capi­ta­lism (Plu­to Press, Lon­don, 2010).

Der Bei­trag erschien zuerst im ROAR Maga­zi­ne.

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