[LCM:] Das Narrativ verschieben: Es geht um Siedlerkolonialismus und Apartheid

Die Mas­sen­pro­tes­te gegen die Zwangs­räu­mun­gen von Palästinenser:innen in Sheikh Jar­rah und die welt­wei­ten Soli­da­ri­täts­de­mons­tra­tio­nen haben auch im inter­na­tio­na­len Dis­kurs eine Ver­schie­bung ein­ge­lei­tet – nur Deutsch­land und Öster­reich hin­ken hin­ter­her, meint unser Gast­au­tor Marik Rato­un.

Viel läuft schief in der hie­si­gen Dis­kus­si­on über die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen in Paläs­ti­na-Isra­el: In den letz­ten Wochen hat das hoch­ge­rüs­te­te israe­li­sche Mili­tär in Gaza gezielt dicht­be­völ­ker­te Wohn­vier­tel bom­bar­diert, kri­ti­sche Infra­struk­tur zer­stört (dar­un­ter das ein­zi­ge Coro­na Test­zen­trum in Gaza, Medi­en­ge­bäu­de, Schu­len, Stra­ßen, die zu Kran­ken­häu­sern führ­ten etc.) und 219 Men­schen, dar­un­ter 63 Kin­der, ermor­det. In deut­schen Medi­en – zwi­schen lin­ken und bür­ger­li­chen Medi­en waren hier oft kaum Unter­schie­de zu ver­zeich­nen – stan­den aller­dings nicht die­se Kriegs­ver­bre­chen im Vor­der­grund, son­dern der Rake­ten­be­schuss des bewaff­ne­ten Arms der Hamas auf israe­li­sche Städ­te, bei dem 28 Men­schen ums Leben gekom­men sind. Dane­ben waren anti­se­mi­ti­sche Gescheh­nis­se vor Syn­ago­gen The­ma sowie die vie­len Demons­tra­tio­nen gegen die kolo­nia­le Gewalt in Paläs­ti­na am Tag der Nak­ba (15.05). Gezielt wur­den die fort­schritt­li­chen Demons­tra­tio­nen, deren Organisator*innen sich zuvor ein­deu­tig von Anti­se­mi­tis­mus und Faschis­mus distan­ziert hat­ten, unter die anti­se­mi­ti­schen Gescheh­nis­se sub­su­miert.

Was wir in der deut­schen Bericht­erstat­tung und den apo­lo­ge­ti­schen Refle­xen der meis­ten bür­ger­li­chen Politiker*innen beob­ach­ten kön­nen, ist eine Wei­ge­rung die Rea­li­tät der Apart­heid und der sied­ler­ko­lo­nia­len Gewalt in Paläs­ti­na-Isra­el anzu­er­ken­nen. Die bedin­gungs­lo­se „Soli­da­ri­tät mit Isra­el“ scheint ein ver­zwei­fel­tes Auf­bäu­men zu sein gegen die­se Rea­li­tät und gegen den fort­schrei­ten­den Wan­del im welt­wei­ten Blick auf die Situa­ti­on, der sich ver­schiebt. Über­all hat es gro­ße Demons­tra­tio­nen in Soli­da­ri­tät mit den Palästinenser*innen gege­ben. In Ber­lin waren mehr als 15.000 auf der Stra­ße, in Lon­don waren es gar 180.000 Men­schen. Und sogar in den US-ame­ri­ka­ni­schen Leit­me­di­en kamen Aktivist*innen zu Wort, die vor lau­fen­der Kame­ra sagen kön­nen, was ist. So erklär­te der paläs­ti­nen­si­sche Akti­vist Moham­med El-Kurd bei einem Inter­view beim MSNBC am 11. Mai über die Ent­wick­lun­gen im Jeru­sa­le­mer Stadt­vier­tel Sheikh Jar­rah: „Das ist eth­ni­sche Säu­be­rung“. Ein MSNBC Kolum­nist ana­ly­sier­te: „Wir müs­sen in der Lage sein zu sagen, dass Isra­els Behand­lung der Paläs­ti­nen­ser Apart­heid ist. Punkt.“ Dies war bei den frü­he­ren Gewalt­aus­brü­chen unvor­stell­bar. Auch eini­ge Politiker*innen der demo­kra­ti­schen Par­tei ver­ur­teil­ten die israe­li­schen Angrif­fe weit schär­fer, als es bis­her tole­riert wur­de. Die­se Sag- und Hör­bar­keit paläs­ti­nen­si­scher anti­ko­lo­na­ler Per­spek­ti­ven ist eine Fol­ge der jah­re­lan­gen Orga­ni­sie­rung paläs­ti­nen­si­scher und soli­da­ri­scher jüdi­scher Aktivist*innen in den USA.

In Deutsch­land sind wir schein­bar noch weit ent­fernt, einen der­ar­ti­gen Wan­del in der all­ge­mei­nen und lin­ken Bericht­erstat­tung zu spü­ren. Der Ver­lust der Über­zeu­gungs­kraft des israe­li­schen Regie­rungs­nar­ra­tivs, wonach Isra­el sich stets ange­mes­sen gegen Angrif­fe von außen selbst ver­tei­di­ge und „bei­de Sei­ten an der Eska­la­ti­on schuld sei­en“ ist nach wie vor domi­nant.

Des­halb soll­ten wir dar­an arbei­ten, dass sich das ändert. Gera­de aus links­ra­di­ka­ler Sicht ist es unse­re Auf­ga­be, die Ana­ly­se der Palästinenser*innen popu­lär zu machen und nach außen zu tra­gen. Denn sie haben vor allem in Deutsch­land kei­ne gro­ßen Lob­by­or­ga­ni­sa­tio­nen oder kraft­vol­len poli­ti­schen Kanä­le, die ihre Sicht auf die Din­ge hör­bar machen könn­ten. Aber sie haben die Bewe­gung, sie haben uns. Umso wich­ti­ger ist es, dass wir ihre Stim­men ver­stär­ken und unter­stüt­zen: Es ist Zeit, dass wir begin­nen, das anhal­ten­de Schwei­gen der deut­schen Lin­ken im Ange­sicht der mehr als 70 Jah­re andau­ern­den Unter­drü­ckung der Palästinenser*innen zu been­den. Es ist Zeit, dass wir uns eine kri­ti­sche und sach­kun­di­ge Ana­ly­se und Beschrei­bung von den Ent­wick­lun­gen in Paläs­ti­na-Isra­el aneig­nen, statt untä­tig im Para­dig­ma der „bei­den Streit­häh­ne aus Nah­ost“ und der „Selbst­ver­tei­di­gung Isra­els“ zu ver­har­ren. Die Wör­ter, die wir benut­zen, um die Ent­wick­lun­gen zu beschrei­ben, haben in die­sem Befrei­ungs­kampf eine her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung: Weil die Palästinenser*innen sich ange­sichts der israe­li­schen Gegen­macht nicht selbst befrei­en kön­nen, appel­lie­ren sie an die Welt, sie nicht im Stich zu las­sen. Und hier­zu gehört auch, sich vehe­ment gegen die fabri­zier­te Ver­tei­di­gung der andau­ern­den Kolo­ni­sie­rung paläs­ti­nen­si­schen Lands zu stel­len.

Nicht erst der Bericht von Human-Rights-Watch vom 27. April 2021 hat gezeigt, dass es in Paläs­ti­na-Isra­el nicht ein­fach um ein biss­chen Dis­kri­mi­nie­rung, son­dern glas­kla­re Apart­heid, d.h. struk­tu­rel­le eth­ni­sche Sepa­ra­ti­on, geht. Seit Jahr­zehn­ten spre­chen paläs­ti­nen­si­sche Aktivist*innen im Ange­sicht von Mau­ern, Check­points, eth­ni­scher Säu­be­rung und Ver­trei­bung, ras­sis­ti­schen Geset­zes­re­gimes (für Palästinenser*innen in Isra­el gilt israe­li­sches Zivil­recht, für Palästinenser*innen unter Besat­zung Mili­tär­recht) und der Ein­krei­sung der ara­bi­schen Städ­te in der West­bank von Apart­heid, ohne jedoch Gehör zu fin­den. Genau­so ist inzwi­schen den meis­ten pro­gres­si­ven Krei­sen (außer­halb von Deutsch­land und Öster­reich) klar, dass die Natur des Kon­flikts kei­ne reli­giö­se, son­dern eine sied­ler­ko­lo­nia­le ist. Die Pogro­me gegen Palästinenser*innen inner­halb von Isra­el durch zio­nis­ti­sche Siedler*innen, mit Rücken­de­ckung der Poli­zei, die regel­mä­ßi­gen Angriffs­krie­ge auf Gaza, die Mili­tär­ge­walt in der West­bank, all das ist Teil der sied­ler­ko­lo­nia­len Gewalt. Die­se Gewalt hat die Funk­ti­on, den Zugriff auf Land und Ter­ri­to­ri­um für die Sied­ler­ge­sell­schaft zu ermög­li­chen, indem das Land von der indi­ge­nen Bevöl­ke­rung zur Sied­ler­ge­sell­schaft über­geht („eth­ni­sche Säu­be­rung“).

Und schließ­lich wird es Zeit, dass wir die Trag­wei­te der letz­ten Wochen für die paläs­ti­nen­si­sche Befrei­ungs­be­we­gung aner­ken­nen. Sowohl die paläs­ti­nen­si­schen Frak­tio­nen als auch die Israe­lis und inter­na­tio­na­le Beobachter*innen waren vor allem über­rascht von einem Aspekt: der Ein­heit der Palästinenser*innen. Auch nach mehr als 100 Jah­ren „tei­le und herr­sche“ und nach jah­re­lan­ger poli­ti­scher Sepa­ra­ti­on demons­trier­ten Men­schen in Gaza für Sheikh Jar­rah (Jeru­sa­lem) und Men­schen in Hai­fa für Gaza. Die Palästinenser*innen orga­ni­sier­ten Demons­tra­tio­nen unab­hän­gig von den kor­rup­ten poli­ti­schen Eli­ten und rie­fen zu einem mas­si­ven Gene­ral­streik im gan­zen his­to­ri­schen Paläs­ti­na am 18.05 auf.

Die­se Pro­tes­te, die ver­ein­zelt und womög­lich ver­früht als „Inti­fa­da der Ein­heit“ beschrie­ben wer­den, sind eine his­to­ri­sche Zäsur. Die neue Genera­ti­on der Palästinenser*innen, die nur die Sta­gna­ti­on seit Oslo und die bru­ta­le Zer­schla­gung der paläs­ti­nen­si­schen Gesell­schaft wäh­rend der zwei­ten Inti­fa­da kennt, die­se Genera­ti­on, die nur das regel­mä­ßi­ge ver­nich­ten­de Bom­bar­de­ment von Gaza und die zer­stör­ten Flücht­lings­la­ger kennt, beginnt sich vom Jor­dan bis zum Mit­tel­meer zu erhe­ben gegen ihre kolo­nia­le Unter­drü­ckung und für die Deko­lo­ni­sie­rung in Paläs­ti­na-Isra­el zu kämp­fen. Und wir soll­ten uns end­lich kon­se­quent an ihre Sei­te stel­len. Denn wie der berühm­te paläs­ti­nen­si­sche Schrift­stel­ler und Revo­lu­tio­när Ghassan Kanafa­ni ein­mal gesagt hat: “Die paläs­ti­nen­si­sche Sache ist nicht nur eine Sache für Paläs­ti­nen­ser, son­dern eine Sache für jeden Revo­lu­tio­när, wo immer er sich befin­det, als Sache der aus­ge­beu­te­ten und unter­drück­ten Mas­sen in unse­rer Zeit.”

#Bild­quel­le: Pixabay

Der Bei­trag Das Nar­ra­tiv ver­schie­ben: Es geht um Sied­ler­ko­lo­nia­lis­mus und Apart­heid erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

Read More