[LCM:] “MoniBleibt” – Eine Waldbesetzung in Ostdeutschland

Vor rund einem Monat wur­de in der Alt­mark ein Kie­fern­forst besetzt. Damit soll gegen den Wei­ter­bau der A14 pro­tes­tiert wer­den. Was hat sich seit den ers­ten Tagen getan? Mit wel­chen Schwie­rig­kei­ten haben die Aktivist_​innen zu kämp­fen? Und wie lebt es sich so in der aktu­ell ein­zi­gen Wald­be­set­zung Ost­deutsch­lands? Luca von Lud­wig über die Her­aus­for­de­run­gen einer Wald­be­set­zung im Nor­den Sach­sen-Anhalts.

Wenn man auf dem san­di­gen Boden zwi­schen den schein­bar end­lo­sen Kie­fern des Krü­de­ner Fors­tes her­um­läuft, könn­te man mei­nen, hin­ter dem nächs­ten Hügel war­te schon die Ost­see. Doch man ist erst im Nor­den Sach­sen-Anhalts. Es fol­gen noch mehr Kie­fern, jede Men­ge Blau­bee­ren, eini­ge Rehe – und seit Kur­zem auch das bis­her ein­zi­ge Bar­rio der Wald­be­set­zung „Moni­Bleibt!“. Denn hier soll, wenn es nach den Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­en die­ses Lan­des geht, in den nächs­ten Jah­ren auf ca. drei Kilo­me­tern Län­ge eine Schnei­se geschla­gen wer­den, um Platz für den Wei­ter­bau der A14 zu schaf­fen.

Die­se ver­läuft vom Nol­le­ner Drei­eck in Sach­sen bis zur Ost­see­küs­te. Zwi­schen Mag­de­burg und Schwe­rin wur­de jedoch ein gro­ßes Stück bis­her nicht gebaut, und so stellt die Alt­mark bis heu­te „das größ­te, bis­her von Auto­bah­nen unzer­schnit­te­ne Stück Deutsch­lands“ dar, wie es ein Umwelt­ak­ti­vist aus­drückt. Das Vor­ha­ben sorgt für vie­le Strei­tig­kei­ten in der Regi­on. Für sei­ne Befürworter:innen stellt die Auto­bahn die Hoff­nung auf öko­no­mi­schen Auf­schwung dar, Gegner:innen sehen ein öko­lo­gisch unver­ant­wort­li­ches und für die regio­na­le Wirt­schaft unnüt­zes Groß­pro­jekt. Letz­te­re ver­su­chen sich seit gut zwan­zig Jah­ren in ver­schie­de­nen Initia­ti­ven gemein­sam mit NGOs, wie dem NABU oder dem BUND, gegen den Wei­ter­bau zu weh­ren – wie­der­um zum Unmut der Befürworter:innen, die immer wie­der Demons­tra­tio­nen und Auto­kor­sos orga­ni­sier­ten. Bekann­ter­ma­ßen hat das Beset­zen von Wäl­dern und Bäu­men gera­de Kon­junk­tur, und so hat die recht dünn besie­del­te Regi­on nach der letz­ten Groß­ver­an­stal­tung der Autobahnbefürworter:innen eini­ge neue Bewohner:innen bekom­men.

Zwischen Kiefern und Baumhäusern

Wer schon ein­mal eine Wald­be­set­zung besucht hat, kann sich vor­stel­len, wie das Baum­haus­dorf aus­sieht: Jede Men­ge klei­ne Platt­for­men hän­gen in teils schwin­del­erre­gen­der Höhe um eine gro­ße Küchen­platt­form, getauft „Tokio Hotel“. Der Bereich dar­un­ter dient als zumin­dest etwas vor dem Regen geschütz­ter Auf­ent­halts­be­reich und gleich dane­ben fin­det man den wohl größ­ten Luxus des Bar­ri­os: Ein gro­ßer Frisch­was­ser­ka­nis­ter, der regel­mä­ßig von einem den Aktivist:innen wohl­ge­son­ne­nen Anwoh­ner auf­ge­füllt wird. In eini­ger Ent­fer­nung steht ein mit umde­ko­rier­ten AfD-Pla­ka­ten ver­klei­de­tes Kom­post­klo, in der ande­ren Rich­tung wird die Beset­zung begrenzt durch Schil­der mit klei­nen Erklä­run­gen für Besucher:innen. An die­sen Tagen tum­meln sich ca. zwan­zig Per­so­nen im Bar­rio, zu Hoch­zei­ten sei­en es aber auch schon an die sech­zig Leu­te gewe­sen, wie ein Wald­be­set­zer erzählt. Vie­le blie­ben eher tage- oder wochen­wei­se im Wald. Mit Essen ver­sor­gen sich die Aktivist:innen aus den Müll­ton­nen nahe­ge­le­ge­ner Super­märk­te, Spen­den soli­da­ri­scher Anwohner:innen und von Land­wir­ten aus der Regi­on. Tie­ri­sche Pro­duk­te und sol­che, die in den Län­dern des glo­ba­len Südens unter beson­ders schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen pro­du­ziert wer­den, sind ungern gese­hen.

Einen kla­ren Akti­ons­kon­sens gibt es nicht, wie mir eine Akti­vis­tin erklärt. Allein schon auf­grund des hohen Durch­laufs sei es schwie­rig, als Grup­pe Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und den­noch offen und unhier­ar­chisch mit der sich dau­ernd wan­deln­den Situa­ti­on im Wald umzu­ge­hen. „Der All­tag struk­tu­riert sich hier eher durch die Begeg­nun­gen und Kon­flik­te selbst“, meint sie. Der kleins­te gemein­sa­me Nen­ner, der vor­aus­ge­setzt wer­de, sei „eine eman­zi­pa­to­ri­sche Per­spek­ti­ve auf den Kampf um Kli­ma­ge­rech­tig­keit“. Spon­ta­ni­tät sei für sie ein wich­ti­ger Bestand­teil die­ser Beset­zung. Wobei es auch Stim­men gibt, die mei­nen, des­halb müs­se zu viel Ener­gie in immer neue Aus­hand­lungs­pro­zes­se gesteckt wer­den.

Auch zur Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Journalist:innen gibt es sehr unter­schied­li­che Posi­tio­nen. Man­che leh­nen jedes Gespräch mit der Pres­se ab, ande­re nur bestimm­te Zei­tun­gen. Bei vie­len herr­sche Frus­tra­ti­on, weil teil­wei­se respekt­los mit den Besetzer:innen umge­gan­gen wer­de. Am Ein­gang zum Bar­rio for­dert ein Schild Besucher:innen auf, nach­zu­fra­gen, bevor Fotos von Per­so­nen gemacht wer­den. Von Pri­vat­per­so­nen wie Journalist:innen wer­de das aber oft igno­riert, teils wür­de foto­gra­fiert wer­den, bevor sich über­haupt vor­ge­stellt wur­de. Auf sol­ches Ver­hal­ten reagie­ren Tei­le der Beset­zung sehr kon­fron­ta­tiv. Noch an die­sem Tag fährt der Bür­ger­meis­ter der Ver­bands­ge­mein­de See­hau­sen vor und beginnt, zusam­men mit sei­nem Kame­ra­mann Bil­der zu machen. Aus den Bäu­men ruft jemand: „Look, it‘s the Bür­ger­meis­ter, I think he wants to rule us!“ Schnell bil­det sich eine Trau­be von Aktivist_​innen um die bei­den, und auch von den Bäu­men wird laut­stark gefor­dert, das Foto­gra­fie­ren zu unter­las­sen. Ein Akti­vist setzt sich wäh­rend­des­sen ins Auto des Bür­ger­meis­ters, wel­cher sein Han­dy zückt und Fotos der Per­so­nen macht. Ein kur­zer Griff, und schon hat eine:r der Besetzer:innen das Tele­fon in der Hand. Her­aus­ge­ben wer­den soll es nur, wenn die Fotos wie­der gelöscht wer­den. Der Poli­ti­ker ruft die Poli­zei, die Waldbewohner:innen zie­hen sich auf die Platt­for­men zurück. Das Han­dy bleibt vor dem Fahr­zeug lie­gen. Schließ­lich setzt sich der Bür­ger­meis­ter ins Auto und fährt wie­der aus dem Wald. Für ein Inter­view vor Ort war er nicht zu haben.

„An sich sind alle Politiker:innen ein­ge­la­den, vor­bei­zu­kom­men – solan­ge sie ohne Pres­se kom­men.“, erklärt ein Akti­vist. So sol­le einer Instru­men­ta­li­sie­rung für Image­kam­pa­gnen der Lokal­po­li­tik vor­ge­beugt wer­den. Eini­ge wür­den das Ange­bot auch wahr­neh­men. Angst vor nega­ti­ver Pres­se wegen Vor­komm­nis­sen wie mit dem Oster­bur­ger Bür­ger­meis­ter hät­ten die Besetzer:innen nicht. „In der Lokal­pres­se kommt sowie­so nichts Sinn­vol­les.“, meint ein Akti­vist. Selbst sehr ver­ständ­nis­voll auf­tre­ten­de Journalist:innen hät­ten in der Ver­gan­gen­heit unfair nega­ti­ve Bil­der über die Zustän­de in der Beset­zung ver­brei­tet, sagt er. In die­ser Hin­sicht wir­ken die Besetzer_​innen ziem­lich des­il­lu­sio­niert.

Ein feindliches Umfeld

Fragt man in der Wald­be­set­zung, ob ein Unter­schied zu den ver­gan­ge­nen Wald­be­set­zun­gen in West­deutsch­land bemerk­bar ist, kommt die Spra­che zuver­läs­sig auf die Bedro­hung durch Faschist:innen. Seit Beginn der Beset­zung wer­den die Aktivist:innen durch­ge­hend bedroht und ange­grif­fen. Anfäng­lich sei­en es meist klei­ne Grup­pen gewe­sen, die fast täg­lich mit Autos vor­fuh­ren und dadurch ver­sucht hät­ten, die Besetzer:innen ein­zu­schüch­tern. Spä­ter hat­ten sie auch mal Base­ball­schlä­ger dabei. Mitt­ler­wei­le ist das Aggres­si­ons­le­vel noch wei­ter gestie­gen: In der drit­ten Mai­wo­che allein kam es zu zwei Anschlä­gen auf das von den Aktivist:innen als Lager genutz­te genutz­te Bahn­hofs­ge­bäu­de in See­hau­sen, einer mit einem Brand­satz, der zwei­te mit einem Spreng­kör­per.

Am Vor­tag des zwei­ten Vor­falls der Woche fand eine Kund­ge­bung der AfD gegen die Wald­be­set­zung statt. Laut meh­re­ren Berich­ten kam es rund um die Ver­an­stal­tung zu Hetz­jag­den auf Gegendemonstrant:innen. Von Lokalpolitiker:innen der AfD wur­den die Besetzer:innen wäh­rend­des­sen unter ande­rem als „Öko­s­ta­li­nis­ten“ und „daher­ge­lau­fe­ne Wald­men­schen und Drui­den“ beschimpft, die „sich in [ihre] Mulit­kul­ti­städ­te [ver­zie­hen]“ soll­ten.

Auch aus den Rei­hen der CDU wird gegen die Beset­zung Stim­mung gemacht. Deren innen­po­li­ti­scher Spre­cher der Land­tags­frak­ti­on und MdL Chris Schu­len­burg – ein Expo­li­zist, der in der Ver­gan­gen­heit auch durch Rela­ti­vie­rung des NS-Regimes auf­fiel – ver­öf­fent­lich­te ein Video auf Face­book. Dar­in wird in ent­mensch­li­chen­der Art und Wei­se über die Aktivist:innen gespro­chen. Auch hier­in sehen die­se die geis­ti­ge Brand­stif­tung, die zur Grund­la­ge für die rea­le Angrif­fe wer­de. Auf der ande­ren Sei­te gebe es aber auch Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen von Anwohner:innen. Auch von denen, die zwar für den Auto­bahn­bau sei­en, aber die Gewalt gegen die Besetzer:innen ver­ur­teil­ten. „Das ist ja auch eine Form von Soli­da­ri­tät, die wir brau­chen. Nicht nur Leu­te, die mit uns auf den Bar­ri­ka­den ste­hen“, meint ein Akti­vist dazu.

Klimaaktivismus in einer abgehängten Region

Geht man von der Beset­zung in eines der nahe­ge­le­ge­nen Dör­fer, bekommt man auch gar nicht unbe­dingt den Ein­druck, dass die Stim­mung so sehr gegen die Beset­zung sei, wie man viel­leicht ver­mu­ten wür­de. Bei einem Auto­kor­so der A14-Befürworter:innen Ende April hin­gen meh­re­re Schil­der gegen den Aus­bau ent­lang der Stra­ßen, auch vor den Häu­sern ste­hen­de Bewohner:innen äußer­ten sich kri­tisch. Im per­sön­li­chen Gespräch wird die Span­nung zwi­schen den Pro­ble­men der struk­tur­schwa­chen Alt­mark und dem Wunsch nach Erhalt der Umwelt deut­lich.

Hen­ning Hor­zetz­ky kämpft seit Lan­gem gemein­sam mit einer loka­len Umwelt­in­itia­ti­ve gegen den A14-Aus­bau. Nur sechs­hun­dert Meter von sei­nem Dorf ent­fernt wür­de sie nach der aktu­el­len Stre­cken­pla­nung ver­lau­fen. Er sei auch stolz dar­auf, dass in der Alt­mark noch so viel Natur erhal­ten und so vie­le Bio­to­pe unbe­rührt sei­en. Das gäbe es so kaum noch in Deutsch­land. Gin­ge es nach ihm, wür­de statt dem neu­en Stück Auto­bahn ein­fach die bestehen­de Bun­des­stra­ße 189 aus­ge­baut wer­den. Die ver­lau­fe ohne­hin in wei­ten Tei­len par­al­lel zur geplan­ten Stre­cke. „Und dass die [A14] einen gro­ßen Wirt­schafts­auf­schwung bringt, da glaubt auch kei­ner mehr wirk­lich dran. Die Leu­te kom­men höchs­tens schnel­ler weg zu ihrer Arbeit“, sagt er. Einen sol­chen Ver­lust von Natur und Umwelt hin­zu­neh­men, um „eine hal­be Stun­de schnel­ler“ ans Ziel zu kom­men, sei sei­ner Mei­nung nach aber der völ­lig fal­sche Weg: „Es gibt immer irgend­wo eine Lücke zu schlie­ßen. Aber wir müs­sen irgend­wann umden­ken und von der Idee von immer mehr und mehr Wirt­schafts­wachs­tum weg­kom­men.“ Inzwi­schen sei­en außer­dem auch sehr viel Anwohner:innen gegen die A14, die sich aber lei­der eher pas­siv ver­hal­ten wür­den.

Eine ande­re Anwoh­ne­rin, die anonym blei­ben möch­te, wür­de sich eben­falls mehr Rück­sicht auf die Natur wün­schen. Sie sei in der Regi­on auf­ge­wach­sen, kann sich dar­an erin­nern, wie sie selbst als Kind Bäu­me in den Wald gepflanzt hat. Sie sei wütend dar­über, dass die Poli­tik bei der Stre­cken­pla­nung seit Jahr­zehn­ten der­art stur sei und kei­ner­lei Kom­pro­miss­be­reit­schaft zei­ge. Aber zumin­dest Hen­ning Hor­zetz­ky ist opti­mis­tisch: „Die all­ge­mei­ne Stim­mung in der Welt schlägt ja um.“ Er sei durch­aus zuver­sicht­lich, was z.B. die aktu­el­le Kla­ge gegen den Stre­cken­ver­lauf ange­he.

Den­noch bleibt der Fakt, dass die Alt­mark – wie so vie­le länd­li­che Regio­nen – mit dem not­wen­dig anste­hen­den Struk­tur­wan­del zu kämp­fen hat. Ein Akti­vist, der ganz in der Nähe lebt, erzählt von sei­nen Schwie­rig­kei­ten, über­haupt einen Arbeits­platz zu fin­den. Hier ohne Auto zu leben, sei, auch wegen des schlecht aus­ge­bau­ten ÖPNV, gar kei­ne wirk­li­che Opti­on, meint eine Anwoh­ne­rin. Ob die Klimaaktivist:innen es schaf­fen, den­noch Unter­stüt­zung für ihre Sache zu fin­den, wird maß­geb­lich davon abhän­gen, ob lang­fris­ti­ge Lösungs­an­sät­ze für die Pro­ble­me der Regi­on for­mu­liert wer­den kön­nen. Das wis­sen auch die Waldbesetzer:innen. „Die wenigs­ten sind hier, um nur gegen eine Auto­bahn zu demons­trie­ren. Unse­re For­de­rung ist ja nicht, dass das hier für immer Hin­ter­land blei­ben und die Leu­te unter der Struk­tur­schwä­che der Regi­on lei­den sol­len“, meint jemand im Wald. Es sei des­halb auch Ziel der Beset­zung, lin­ke Posi­tio­nen zu Fra­gen des nach­hal­ti­gen Struk­tur­wan­dels im regio­na­len Dis­kurs zu plat­zie­ren.

Bis zur Rodung bleibt den Besetzer:innen wohl etwas Zeit, um die­se Zie­le zu errei­chen. Auch dar­auf weist ein Schild unter der Küchen­platt­form hin: „We might be here for 2–3 years. It‘s not our goal to just build plat­forms in trees. This is not Ham­bi. This is not Dan­ni. This is Moni.“

#Titel­bild: Luca von Lud­wig

Der Bei­trag “Moni­Bleibt” – Eine Wald­be­set­zung in Ost­deutsch­land erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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