[Autonomie Mag.:] „Wir müssen nur einmal Glück haben“

Brighton – Die Bom­be die das Empi­re erschüt­ter­te.

1984 war das Jahr, in dem die kon­ser­va­ti­ve bri­ti­sche Regie­rung unter Mar­ga­ret That­cher ihren Krieg in Irland ver­schärf­te. Groß­bri­tan­ni­ens Kon­ter­ban­den, die para­mi­li­tä­ri­schen Orga­ni­sa­tio­nen der Uls­ter Defence Asso­cia­ti­on und der Uls­ter Vol­un­teer For­ce, setz­ten ihre Kam­pa­gne sek­tie­re­ri­scher Mor­de und Ader­läs­se fort, wäh­rend bezahl­te Poli­zis­ten ein­ge­setzt wur­den, um iri­sche Bür­ger in einer Wei­se zusam­men­zu­trei­ben, die nur als Inter­nie­rung bezeich­net wer­den kann.

Es war auch das Jahr, in dem die IRA in ähn­li­cher Wei­se ant­wor­ten soll­te.

Um ca. 2:54 Uhr am 12. Okto­ber, als sich die höchs­te Füh­rungs­rie­ge der bri­ti­schen Regie­rung in ihren Bet­ten in Brigh­tons „Grand Hotel“ schla­fen leg­te, wur­de ein Zeit­zün­der mit Lang­zeit­ver­zö­ge­rung, der an einer 20-Pfund-Bom­be aus Spreng­gel­an­ti­ne befes­tigt war, (ent­wi­ckelt von der tech­ni­schen Abtei­lung der IRA) aus­ge­löst.

Die Bom­be wur­de in den Wochen vor dem Par­tei­tag der Kon­ser­va­ti­ven im Rah­men einer Bade­wan­ne im Raum 629 ver­steckt und befand sich nur fünf Stock­wer­ke über dem Ort, an dem sich die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin nie­der­las­sen und auf die Arbeit der nächs­ten Tage vor­be­rei­ten wür­de. Als That­cher eine Rede prob­te, die sie geplant hat­te, ging die Explo­si­on los.

Fünf Ton­nen Mau­er­werk in Form eines alten Schorn­steins stürz­ten vom Dach des Gebäu­des durch jede Eta­ge bis in den Kel­ler und ris­sen das Mau­er­werk des alten vik­to­ria­ni­schen Gebäu­des mit sich. Inmit­ten von Rauch, Staub und Schutt gab ein rie­si­ges, klaf­fen­des Loch den Blick auf die Innen­räu­me des Grand Hotels frei, die nun dem dunk­len Him­mel von Brighton preis­ge­ge­ben waren.

„Sie haben sie um zwei Minu­ten ver­fehlt“, schrie es aus den Schlag­zei­len, als klar wur­de, dass die IRA vie­le Mit­glie­der des bri­ti­schen Kabi­netts, dar­un­ter auch That­cher selbst, fast aus­ge­löscht hät­te. Die Explo­si­on beschä­dig­te einen Teil von That­chers Hotel­sui­te, in der sie sich zum Zeit­punkt der Explo­si­on auf­hielt. Sie und ihr Mann konn­ten jedoch ent­kom­men und wur­den durch die Trüm­mer in Sicher­heit gebracht.

Fünf Men­schen star­ben bei der Explo­si­on, dar­un­ter der Tory-Abge­ord­ne­te Sir Antho­ny Ber­ry, stell­ver­tre­ten­der Chef­ein­peit­scher der Kon­ser­va­ti­ven Par­tei. Unter den Ver­letz­ten waren meh­re­re bekann­te Per­sön­lich­kei­ten, unter ande­rem der kon­ser­va­ti­ve Poli­ti­ker Sir Wal­ter Clegg, des­sen Schlaf­zim­mer direkt über der Explo­si­on lag, sowie Baron Nor­man Teb­bitt, damals Mit­glied des Kabi­netts der kon­ser­va­ti­ven Regie­rung, der, als er unmit­tel­bar nach dem Vor­fall vom Kran­ken­haus­per­so­nal gefragt wur­de, ob er irgend­wel­che All­er­gien habe, geant­wor­tet haben soll: „Ja, Bom­ben“.

That­cher erklär­te dar­auf­hin, der Angriff sei „ein Ver­such, die demo­kra­tisch gewähl­te Regie­rung Ihrer Majes­tät zu behin­dern“.

Die Ant­wort der IRA war unver­blümt:

„Frau That­cher wird jetzt erken­nen, dass Groß­bri­tan­ni­en nicht unser Land beset­zen und unse­re Gefan­ge­nen fol­tern und unse­re Leu­te auf ihren eige­nen Stra­ßen erschie­ßen kann und damit durch­kommt. Heu­te hat­ten wir Pech, aber den­ken Sie dar­an, wir müs­sen nur ein­mal Glück haben. Sie wer­den immer Glück haben müs­sen.

Gebt Irland Frie­den und es wird kei­nen Krieg mehr geben.“

Der repu­bli­ka­ni­sche Ex-Gefan­ge­ne Patrick Magee, der für sei­ne Rol­le in der IRA Acti­ve Ser­vice Unit, die die Ope­ra­ti­on durch­führ­te, eine Stra­fe ver­büß­te und von den Medi­en oft als „The Brighton Bom­ber“ bezeich­net wur­de, sag­te, dass die Stra­te­gie der bri­ti­schen Regie­rung zu die­ser Zeit dar­in bestand, die IRA als blo­ße Kri­mi­nel­le dar­zu­stel­len und den Krieg auf die Six Coun­ties zu beschrän­ken.

„Solan­ge der Krieg in die­sem Rah­men gehal­ten wur­de“, sag­te er, „konn­ten sie die Jah­re der Zer­mür­bung auf­recht­erhal­ten. Aber in den frü­hen 1980er Jah­ren gelang es uns, bei­de Stra­te­gien zu zer­stö­ren. Der Hun­ger­streik zer­stör­te die Idee der Kri­mi­na­li­sie­rung und der Bom­ben­an­schlag von Brighton zer­stör­te die Idee der Ein­däm­mung. Nach Brighton war alles mög­lich, und die Bri­ten began­nen zum ers­ten Mal, uns ganz anders zu betrach­ten; sogar die IRA selbst, glau­be ich, begann, die Prio­ri­tät der Kam­pa­gne in Eng­land voll zu akzep­tie­ren.“

Der Arti­kel ist zuerst auf Eng­lisch, in der Aus­ga­be #5 des unab­hän­gi­gen, sozia­lis­tisch-repu­bli­ka­ni­schen Maga­zins an spré­ach, erschie­nen.

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