[gfp:] Einbahnstraße nach Kabul

Zehntausende Abschiebungen

Die Sam­mel­ab­schie­bung von 42 afgha­ni­schen Flücht­lin­gen, die ges­tern früh am Flug­ha­fen Kabul ein­tra­fen – „um 7.48 Uhr (Orts­zeit)“, wie Behör­den­ver­tre­ter mit bemer­kens­wer­ter Prä­zi­si­on mit­tei­len -, war bereits die 39. ihrer Art seit dem Jahr 2016. Ins­ge­samt sind bei ihnen mitt­ler­wei­le 1.077 Per­so­nen zwangs­wei­se aus der Bun­des­re­pu­blik nach Afgha­ni­stan gebracht wor­den. Die Sam­mel­ab­schie­bun­gen wer­den seit Dezem­ber im Monats­ab­stand durch­ge­führt; eine nächs­te steht dem­nach ver­mut­lich im Juli bevor. Ledig­lich im Mai war der zunächst geplan­te Flug kurz­fris­tig aus­ge­setzt wor­den, weil die Frist für den Abzug der US-Trup­pen, die Washing­ton mit den Tali­ban aus­ge­han­delt hat­te, Anfang Mai ablief und ver­stärk­te Anschlä­ge der Tali­ban befürch­tet wur­den. Abschie­bun­gen wer­den auch aus ande­ren Staa­ten Euro­pas durch­ge­führt; die Gesamt­zahl wird für 2016 mit 2.323, für 2017 mit 3.847, für 2018 mit 2.805 und für 2019 mit 1.445 angegeben.[1] Hin­zu kom­men Abschie­bun­gen von Afgha­nen aus der Tür­kei, die weit­ge­hend eine Fol­ge des EU-Flücht­lings­ab­wehr­pakts mit Anka­ra sind – die wenigs­ten afgha­ni­schen Flücht­lin­ge wol­len in der Tür­kei blei­ben. Die tür­ki­schen Behör­den scho­ben im Jahr 2019 rund 23.780 Flücht­lin­ge nach Afgha­ni­stan ab, im Pan­de­mie­jahr 2020 immer noch rund 6.000.[2]

„Nachhaltig“, „individuelle Bedürfnisse“

Grund­la­ge für die Abschie­bun­gen aus der EU sind peni­bel for­mu­lier­te Ver­ein­ba­run­gen, deren jüngs­te – die Joint Decla­ra­ti­on on Migra­ti­on Coope­ra­ti­on – erst vor kur­zem, am 26. April 2021, unter­zeich­net wur­de. Ihr Vor­läu­fer – der soge­nann­te Joint Way For­ward – war im Okto­ber 2016 in Kraft getre­ten. Das dama­li­ge Doku­ment hat­te Afgha­ni­stan ver­pflich­tet, abge­scho­be­ne Bür­ger umstands­los ins Land zu las­sen und bei den Vor­be­rei­tun­gen, etwa bei der Beschaf­fung der not­wen­di­gen Doku­men­te, eng und nner­halb fest­ge­leg­ter Fris­ten mit der EU zu koope­rie­ren. Die neue Joint Decla­ra­ti­on schließt im Wesent­li­chen dar­an an und prä­zi­siert eini­ge Regeln: So dür­fen künf­tig pro Flug maxi­mal 50 abge­scho­be­ne Afgha­nen ins Land gebracht wer­den, die Gesamt­zahl wird auf 500 pro Monat beschränkt.[3] Die EU preist die neue Ver­ein­ba­rung – wie üblich – in höchs­ten Tönen. So heißt es, sie set­ze „die posi­ti­ve Koope­ra­ti­on zwi­schen Afgha­ni­stan und der EU“, die mit dem Joint Way For­ward ein­ge­lei­tet wor­den sei, fort; zudem zie­le sie dar­auf ab, „die nach­hal­ti­ge Reinte­gra­ti­on von Men­schen zu ermög­li­chen, die nach Afgha­ni­stan zurück­keh­ren“, indem „deren indi­vi­du­el­le Bedürf­nis­se“, aber zugleich auch „die Bedürf­nis­se der Gast- und Rück­kehr­ge­mein­schaf­ten ins Zen­trum gestellt“ würden.[4]

Die Druckmittel der EU

In Wirk­lich­keit basie­ren die Abschie­be­ver­ein­ba­run­gen mit Afgha­ni­stan auf Erpres­sung, und sie stür­zen die Abge­scho­be­nen in aller Regel in eine desas­trö­se, oft lebens­ge­fähr­li­che Situa­ti­on. Die Regie­rung in Kabul sieht sich ohne­hin mit der erzwun­ge­nen Rück­kehr einer rie­si­gen Zahl an Flücht­lin­gen aus Paki­stan und aus Iran kon­fron­tiert; bei­de Nach­bar­län­der, ungleich ärmer als die EU, Iran zusätz­lich durch bru­ta­le US-Sank­tio­nen schwer belas­tet, beher­ber­gen jeweils meh­re­re Mil­lio­nen afgha­ni­sche Flücht­lin­ge. Paki­stan schob zuletzt pro Jahr zwi­schen 31.594 (2019) und 618.156 (2016) Flücht­lin­ge nach Afgha­ni­stan ab, Iran zwi­schen 442.668 (2017) und 775.089 (2018). Weil ihre Inte­gra­ti­on fak­tisch unmög­lich ist, sperr­te sich die Regie­rung in Kabul bereits wäh­rend der Ver­hand­lun­gen um den Joint Way For­ward gegen die For­de­rung der EU, jetzt auch noch zusätz­lich Flücht­lin­ge aus dem rei­chen Euro­pa zurück­neh­men zu sol­len. Brüs­sel nutz­te aus­weis­lich eines inter­nen Doku­ments Ver­hand­lun­gen über umfang­rei­che finan­zi­el­le Hil­fen für Afgha­ni­stan als „EU-Druck­mit­tel“; dem­nach soll­te eine Geber­kon­fe­renz im Okto­ber 2016 aus­drück­lich „als posi­ti­ver Anreiz zur Imple­men­tie­rung des Joint Way For­ward“ dienen.[5] Der Plan ging auf.

Besonders von Gewalt betroffen

Abge­scho­be­ne Flücht­lin­ge gera­ten in Kabul in aller Regel in eine kata­stro­pha­le Lage. Dies liegt nicht nur am all­ge­mein desas­trö­sen Zustand Afgha­ni­stans – das Land ist nach annä­hernd 20 Jah­ren west­li­cher Mili­tär­prä­senz mehr denn je von Gewalt, Armut und Hun­ger geplagt (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [6]). Es kommt hin­zu, dass aus Euro­pa abge­scho­be­ne Flücht­lin­ge stär­ker als ande­re Bevöl­ke­rungs­grup­pen gefähr­det sind. Das zeigt eine an der Uni­ver­si­tät Bern erar­bei­te­te, zu Monats­be­ginn publi­zier­te Stu­die, die das Schick­sal von 113 aus Deutsch­land abge­scho­be­nen Afgha­nen detail­liert untersucht.[7] Dem­nach haben „über 90 Pro­zent der Abge­scho­be­nen nach der Rück­kehr“ nach Afgha­ni­stan „Gewalt­er­fah­run­gen gemacht“; mehr als 50 Pro­zent der­je­ni­gen, die „län­ger als zwei Mona­te im Land waren“, waren dabei „wegen ihres Auf­ent­halts in Euro­pa von Gewalt gegen sie oder ihre Fami­li­en betrof­fen“. Die Ursa­chen vari­ie­ren der Stu­die zufol­ge: Sie rei­chen von Ver­gel­tung für nicht zurück­ge­zahl­te Schul­den, die für die kost­spie­li­ge Flucht auf­ge­nom­men wur­den, bis zur Bestra­fung ver­meint­li­cher Norm­ver­let­zun­gen in Euro­pa; zudem stei­gert die – irr­tüm­li­che – „Annah­me, dass Euro­pa-Rück­keh­rer wohl­ha­bend sei­en, … das Risi­ko kri­mi­nel­ler Über­grif­fe, zu denen auch Erpres­sun­gen und Schutz­geld­for­de­run­gen“ zäh­len.

Furcht um Leib und Leben

Wäh­rend die Bun­des­re­pu­blik rück­sichts­los abschiebt, droht der beschleu­nig­te Rück­zug der Bun­des­wehr – inzwi­schen ist von der Heim­kehr der letz­ten deut­schen Sol­da­ten bis Ende Juli die Rede – zahl­rei­che afgha­ni­sche Mit­ar­bei­ter der deut­schen Streit­kräf­te in töd­li­che Gefahr zu stür­zen. Die­se fürch­ten, da sie von den Tali­ban als Kol­la­bo­ra­teu­re des aus­wär­ti­gen Fein­des betrach­tet wer­den, für die Zeit nach dem Abzug der west­li­chen Trup­pen um Leib und Leben. Nach Anga­ben aus den USA sind in Afgha­ni­stan seit Beginn der west­li­chen Mili­tär­in­ter­ven­ti­on bereits mehr als 300 „Orts­kräf­te“ gezielt getö­tet worden.[8] Erst am Diens­tag hat der Angriff auf ein Camp des Minen­räum­pro­jekts The HALO Trust, das beson­de­ren Wert auf die Ein­bin­dung ein­hei­mi­schen Per­so­nals legt und vom Aus­wär­ti­gen Amt als „einer der wich­tigs­ten Part­ner“ ein­ge­stuft wird, zehn Todes­op­fer und 16 Ver­letz­te gefor­dert. Schon im April hat­te Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ange­kün­digt, man wol­le die afgha­ni­schen Orts­kräf­te der Bun­des­wehr „nicht schutz­los zurück­las­sen“: Hät­ten sie berech­tig­te Furcht vor den Tali­ban, dann wer­de man ihnen die Ein­rei­se nach Deutsch­land erlauben.[9] Dies gel­te für alle, die in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren offi­zi­el­le Mit­ar­bei­ter der Bun­des­wehr gewe­sen sei­en.

Steine in den Weg gelegt

In der Pra­xis sto­ßen die Orts­kräf­te auf erheb­li­che Kom­pli­ka­tio­nen. So müs­sen sie über­zeu­gend nach­wei­sen, dass sie ein­deu­tig auf­grund ihrer Tätig­keit für die Bun­des­wehr bedroht sind – in einem Kriegs­ge­biet kein ein­fa­ches Unter­fan­gen. Gelingt es ihnen, den Nach­weis zu füh­ren und eine Ein­rei­se­er­laub­nis zu erhal­ten – 380 von 520 Beschäf­tig­ten der Bun­des­wehr in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren haben das inzwi­schen geschafft -, dann müs­sen sie ihren Flug selbst bezah­len: fak­tisch die zwei­te schwer zu über­win­den­de Hür­de. Zudem wei­gert Ber­lin sich wei­ter­hin, Orts­kräf­ten die Ein­rei­se zu erlau­ben, die vor mehr als zwei Jah­ren für die Bun­des­wehr tätig gewe­sen sind. Dar­über hin­aus gilt das Ange­bot nicht für Per­so­nen, die als Ange­stell­te von Pri­vat­un­ter­neh­men für die Bun­des­wehr gear­bei­tet haben.[10] Die Bun­des­re­gie­rung ver­wei­gert eine unbü­ro­kra­ti­sche Lösung. Wegen des über­has­te­ten Abzugs fürch­ten nun vie­le Orts­kräf­te, das Land nicht recht­zei­tig ver­las­sen zu kön­nen – im Unter­schied zu den Waf­fen und zum Wehr­ma­te­ri­al, um deren Abtrans­port sich die Bun­des­wehr flei­ßig küm­mert. Anders als für Sam­mel­ab­schie­bun­gen an den Hin­du­kusch stellt Ber­lin für bedroh­te afgha­ni­sche Orts­kräf­te bis­lang kei­ner­lei Char­ter­flü­ge bereit.

[1] Maris­sa Quie, Hameed Haki­mi: The EU and the poli­tics of migra­ti­on manage­ment in Afgha­ni­stan. Chat­ham House Rese­arch Paper. Lon­don, Novem­ber 2020.

[2] UNHCR Sta­tis­ti­cal Facts­heet: Onward Move­ments of Afghan Refu­gees. March-April 2021.

[3] Mojib Rah­man Atal: The Asym­metri­cal EU-Afgha­ni­stan Coope­ra­ti­on on Migra­ti­on. the​di​plo​mat​.com 12.05.2021.

[4] Migra­ti­on: The EU signs a Joint Decla­ra­ti­on on coope­ra­ti­on with Afgha­ni­stan. eeas​.euro​pa​.eu 26.04.2021.

[5] Coun­try Fiche pro­po­sing pos­si­ble lever­a­ges across Com­mis­si­on-EEAS poli­cy are­as to enhan­ce returns and effec­tively imple­ment read­mis­si­on com­mit­ments. Brussels, 2 March 2016. state​watch​.org.

[6] S. dazu Bilanz von 18 Jah­ren.

[7] Frie­de­ri­ke Stahl­mann: Erfah­run­gen und Per­spek­ti­ven abge­scho­be­ner Afgha­nen im Kon­text aktu­el­ler poli­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen Afgha­ni­stans. Her­aus­ge­ge­ben von Dia­ko­nie Deutsch­land, Brot für die Welt, Dia­ko­nie Hes­sen. Ber­lin, Juni 2021.

[8] Joa­chim Käpp­ner: „Sie fürch­ten um ihre Sicher­heit und ihr Leben“. sued​deut​sche​.de 14.05.2021.

[9] Kramp-Kar­ren­bau­er will afgha­ni­sche Mit­ar­bei­ter nach Deutsch­land holen. sued​deut​sche​.de 21.04.2021.

[10] Afgha­ni­stan: Groß­teil der Orts­kräf­te will nach Deutsch­land. sued​deut​sche​.de 18.05.2021.

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