[KgK:] Scheinbar aus dem Nichts? Wilder Streik bei Gorillas

„Ohne sich vor­zu­stel­len, teil­te sie mir mit, dass ich mit sofor­ti­ger Wir­kung ent­las­sen sei!“ Sant­ia­go ist scho­ckiert und hat Angst, sei­ne Mie­te nächs­ten Monat nicht mehr zah­len zu kön­nen. Mit sei­nem Visa hat er kei­nen Anspruch auf sozia­le Grund­si­che­rung. „Ja, ich bin heu­te Mor­gen 40 Minu­ten zu spät gekom­men“, bestä­tigt Sant­ia­go KgK. „Dar­über hat­te ich aber zuvor mit dem Rider-Op gespro­chen.“ Rider-Ops sind die Schicht­lei­ter der Fahr­rad­ku­rie­re. Die Frau, die die Kün­di­gung aus­ge­spro­chen hat, kann­te er nicht. Und weder sie noch der Rider-Op konn­te ihn die Fra­ge beant­wor­ten, wie viel Fehl­trit­te er gemacht hät­te. Sei­ne Kolleg:innen hin­ge­gen beto­nen immer wie­der, was für ein guter Mit­ar­bei­ter er ist. Er sei sogar ganz oben im Ran­king der bes­ten Rider dabei gewe­sen. Was aber auch egal sei, denn Sant­ia­gos Kün­di­gung ver­ste­hen sie als Dro­hung gegen alle Beschäf­tig­ten: In der viel zu lan­gen Pro­be­zeit braucht es kei­ne Grün­de für Ent­las­sun­gen.

So uner­war­tet wie Sant­ia­gos Ent­las­sung war auch die Reak­ti­on sei­ner Kol­le­gen: Aus Pro­test leg­ten sie spon­tan die Arbeit nie­der. Kei­ne drei Stun­den spä­ter stan­den knapp 70 Goril­las-Beschäf­ti­ge aus ver­schie­de­nen Schich­ten und Stand­or­ten vor dem Lager in der Char­lot­ten­stra­ße. Die ers­te Reak­ti­on der her­bei­ge­eil­ten Mana­ger sei ledig­lich gewe­sen zu beto­nen, dass es sich bei dem Pro­test um einen ille­ga­len Streik han­del­te. Erst als die Arbeiter*innen beschlos­sen aus dem Fahr­rä­dern vor dem Ein­gang eine Bar­ri­ka­de zu errich­ten und eine Men­schen­ket­te zu bil­den, um Streik­bre­chern den Zugang zum Lager zu ver­weh­ren, lenk­te das Unter­neh­men etwas ein. Sie ver­zich­te­ten dar­auf die Poli­zei zu rufen, teil­ten Mas­ken und Was­ser aus und boten den Beschäf­tig­ten ein Gespräch an.

Der stell­ver­tre­ten­de Deutsch­land­chef von Goril­las, Harm-Juli­an Schu­ma­cher, ver­such­te den Beschäf­tig­ten Sant­ia­gos Ent­las­sung zu erklä­ren: „Wir haben ver­schie­de­ne nega­ti­ve Feed­backs bekom­men, die dar­auf hin­deu­te­ten, dass Goril­las nicht das rich­ti­ge Unter­neh­men für ihn ist. Des­halb haben wir uns ent­schie­den, das Arbeits­ver­hält­nis sofort zu been­den.“ Von wem die nega­ti­ven Feed­backs kah­men, dar­über hüll­te sich der Mana­ger auch auf wie­der­hol­te Nach­fra­ge in Schwei­gen. Ein auf­ge­brach­ter Kol­le­ge erwi­der­te: „War­um zählt das Feed­back eines anony­men Geis­tes mehr als das Feed­back von uns, die wir tag­täg­lich mit Sant­ia­go zusam­men­ar­bei­ten?“ Immer wie­der wur­den die Wie­der­ho­lun­gen des Manage­ments unter­bro­chen von Sprech­chö­ren: „We want Sant­ia­go back“ (wir wol­len Sant­ia­go zurück). Doch dar­auf woll­ten sich die Mana­ger nicht ein­las­sen. Laut Aus­sa­ge des Goril­la-Anwal­tes wäre kei­ner der anwe­sen­den Ver­tre­ter des Unter­neh­mens berech­tigt, die münd­li­che Kün­di­gung zurück zu neh­men. Nicht die Frau, die sie aus­ge­spro­chen hat, nicht die Per­so­na­le­rin, und auch nicht der stell­ver­tre­ten­de Deutsch­land­chef?

Ohne eine Ant­wort auf ihre For­de­rung bekom­men zu haben, ent­schlos­sen sich die Beschäf­tig­ten, den Kampf aus­zu­wei­ten. Am Mitt­woch­abend zogen sie im Fahr­rad­kon­voy nach Mit­te, um mit mitt­ler­wei­le 100 Leu­ten das Lager in der Tor­stra­ße zu blo­ckie­ren. Nicht nur räum­lich wei­te­te sich der Kampf schnell aus, son­dern auch inhalt­lich. Am Abend ging es nicht nur noch um die Ent­las­sung von Sant­ia­go, son­dern bereits um die Abschaf­fung der Pro­be­zeit bei Goril­las. Auch dür­fe es kei­ne Ent­las­sun­gen mehr ohne Abmah­nun­gen geben. In Mit­te reagier­te das Manage­ment jedoch anders und rief die Poli­zei, wel­che mit gut 50 Ein­satz­kräf­ten anrück­te. Zunächst griff sie jedoch nicht ein, so dass der stell­ver­tre­ten­de Deutsch­land­chef zusam­men mit der Lager­lei­tung und eini­gen weni­gen Streik­bre­chern sel­ber Hand anle­gen muss­te um die Fahr­rad-Blo­cka­den abzu­bau­en. Auch wenn eine Per­son hand­greif­lich gegen die Strei­ken­den wur­de, konn­ten sie die Blo­cka­de nicht auf­lö­sen. Sie bil­de­ten eine Sitz­blo­cka­de vor dem Ein­gang. Polizist:innen dis­ku­tier­ten unter­ein­an­der, ob Trit­te in die Geni­ta­li­en ein legi­ti­mes Mit­tel sind um Sitz­blo­cka­den auf­zu­lö­sen oder nicht, doch die­se Bil­der woll­te die Geschäfts­füh­rung offen­bar ver­mei­den. Letzt­end­lich wur­de die Poli­zei nur tätig, um eine Grup­pe strei­ken­den vom Hin­ter­ein­gang des Lagers zu ver­trei­ben. Angeb­lich sei der Hin­ter­hof des Wohn­blocks Fir­men­ei­gen­tum und sie wür­den durch ihre Anwe­sen­heit Haus­frie­dens­bruch bege­hen. Als die Strei­ken­den vor der anrü­cken­den Poli­zei die Flucht ergrif­fen rief der Lager­lei­ter ihnen nur hämisch hin­ter­her „Oh guys, why are you run­ning?“ (oh, war­um rennt ihr denn?).

Das Komitee

Goril­las gilt als eines der erfolg­reichs­ten Star­tups Deutsch­lands. In weni­ger als einem Jahr stei­ger­te das Unter­neh­men ihren Wert auf über eine Mil­li­ar­de Euro. Sie pro­bie­ren sich nicht nur den deut­schen Markt zu sichern, son­dern ihre Geschäf­te auf wei­te­re Tei­le der west­li­chen Welt aus­zu­wei­ten. Wäh­rend Goril­las in Win­ter nach Frank­reich und den USA expan­dier­te, hat­ten das Ber­li­ner Start­up kei­ne Mit­tel, um sei­nen Ridern ordent­li­che Win­ter­sa­chen zu besor­gen. Trotz des har­ten Win­ter­ein­bru­ches im Febru­ar mit star­ken Schnee­fäl­len, woll­te das Unter­neh­men nicht den Ser­vice ein­stel­len. In Sant­ia­gos Lager am Check­point Char­lie begann im Febru­ar auch der Wider­stand der Beschäf­tig­ten: mit einem wil­den Streik.

Die Rider wei­ger­ten sich bei Schnee­sturm Kun­den zu ver­sor­gen, die wegen dem schlech­ten Wet­ter nicht sel­ber ein­kau­fen woll­ten. Vom Hub „Char­lie“ wei­te­te sich der Streik auf die gan­ze Stadt aus. Ein Lager­lei­ter soll laut Aus­sa­gen des Komi­tees zu einem strei­ken­den Rider gesagt haben „wenn du nicht fah­ren willst, dann lauf doch“. Doch der Streik zeig­te Wir­kung und Goril­las stell­te den Betrieb in Ber­lin ein. Die­ser Sieg vor vier Mona­ten bil­de­te den Start­schuss für ein außer­ge­wöhn­li­ches Kapi­tel in der jüngs­ten deut­schen Arbeiter:innengeschichte.

Ein gutes Dut­zend Beschäf­tig­te begann, sich zu ver­net­zen. Jeden Sonn­tag, den ein­zi­gen arbeits­frei­en Tag, tra­fen sie sich, um über ihre Pro­ble­me bei Goril­las zu spre­chen. Die Löh­ne sind im ers­ten Jahr immer wei­ter gesun­ken. In vie­len Hubs gäbe es Pro­ble­me mit ras­sis­ti­schen, sexis­ti­schen und trans­pho­ben Beläs­ti­gun­gen und Goril­las wür­de ihr Geschäft im wahrs­ten Sin­ne auf dem Rücken ihrer Beschäf­tig­ten aus­tra­gen. In vie­len Hubs wur­den die Gepäck­kör­be abmon­tiert. Die Wir­bel­säu­le der Rider soll als Stoß­dämp­fer für die Geträn­ke­lie­fe­run­gen die­nen. Es gibt eine Richt­li­nie, dass Lie­fe­run­gen nicht schwe­rer als 10 Kilo sein dür­fen. Laut Anga­ben von Goril­las berech­net ein Algo­rith­mus die Last und infor­miert die Vor­ge­setz­ten. das „Goril­las Workers Collec­ti­ve“ kri­ti­siert jedoch, dass Lie­fe­run­gen oft die 10 Kilo über­schrei­ten. Kon­troll­waa­gen gäbe es nicht in den Hubs.

Das „Goril­las Workers Collec­ti­ve“ begann mit den Vor­be­rei­tun­gen zur Wahl eines Betriebs­rats. Letz­te Woche nah­men sie die ers­te Hür­de und wähl­ten einen Wahl­aus­schuss für Betriebs­rats­wah­len. Laut Aus­sa­gen von Beschäf­tig­ten hät­te Goril­las einen Rei­se­bus mit Ange­stell­ten aus dem mitt­le­ren und unte­ren Manage­ment geschickt, um die Wahl zu beein­flus­sen. Die lei­ten­den Mitarbeiter:innen und alle, bei denen es nicht klar war, ob sie Mitarbeiter:innen ent­las­sen kön­nen, wur­den von der Wahl aus­ge­schlos­sen. Goril­las erwog daher, juris­ti­schen Ein­spruch gegen die Wahl zu erhe­ben.

Die Ent­las­sung von Sant­ia­go hat jetzt wei­te­res Öl in das Feu­er gegos­sen. Auch am heu­ti­gen Don­ners­tag blo­ckier­ten Goril­las Arbeiter:innen von 11 bis 17 Uhr das Lager in Prenz­lau­er Berg mit noch mehr Strei­ken­den und Unterstützer:innen als am Vor­tag. Falls das Manage­ment kei­ne posi­ti­ve Ant­wort gibt, soll der Streik mit Werks­blo­cka­den am Sams­tag aus­ge­wei­tet wer­den.

Die Kampf­be­reit­schaft der Beleg­schaft, um für Sant­ia­gos und ihre Inter­es­sen zu kämp­fen, ist unge­bro­chen und gestärkt. Gewerk­schaf­ten, poli­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen und Par­tei­en soll­ten den Arbeits­kampf bedin­gungs­los unter­stüt­zen und breit zu Soli­da­ri­täts­de­le­ga­tio­nen auf­ru­fen.

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