[UG-Blättle:]Franz Sternbald: Ausgesetzt zur Existenz

Zu wel­chem Zweck behaup­ten wir ein sub­jek­ti­ves Ego, und wor­in besteht ein objek­tiv legit­mie­ren­der Sinn für die For­de­rung nach Aner­ken­nung eines unbe­zähm­ba­ren Geis­tes der unein­ge­schränk­ten Sub­jek­ti­vi­tät. (J.J. Rous­se­au, Bekennt­nis­se)

Bild: jur­vet­son (CC BY 2.0 crop­ped)

Eine expo­nen­ti­ell stei­gen­de Ver­dich­tung von digi­ta­len Spei­chern bei schnel­le­rem Zugriff, hat die erfor­der­li­che Raum- und Ener­gie- und vor­al­lem Zeit­er­spar­nis erbracht, die die Vor­aus­set­zung für den Bau von intel­li­gen­ten Netz­wer­ken abseh­bar auch prak­tisch mit Bewusst­seins­po­ten­ti­al mög­lich macht.

Mit Hil­fe der Nano-Tech­no­lo­gie wird es künf­tig mög­lich sein, zel­lu­lä­re digi­ta­le Auto­ma­ten (Nani­ten) zu erzeu­gen, und mit dem qua­si ‚leben­di­gen’ Poten­ti­al der Eigen-Repro­duk­ti­vi­tät auf der Mole­ku­lar­ebe­ne der Gene­tik aus­zu­stat­ten, sodass auf dem Wege der ler­nen­den Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on so etwas wie eine Turing-Maschi­ne mit John-von-Neumann’schen Fähig­kei­ten ersteht, näm­lich digi­ta­le Signal­wer­te an ana­lo­ge bio­lo­gi­sche Über­tra­gungs­glie­der zu lie­fern. Wir tre­ten somit in die Alb­traum­räu­me der künst­lich intel­li­gen­ten Leben­si­mu­la­ti­on.

Über die selbst­or­ga­ni­sie­ren­de Ver­net­zung von nano­tech­ni­schen Ele­men­ten zu lang­ket­ti­gen Makro­struk­tu­ren (sog. Mor­gel­lons), wird das selbst­tä­ti­ge Wachs­tum neu­ro­na­ler Strang­netz­wer­ke denk­bar. Ihr Gehirn wür­de dann gespeist von den arti­fi­zi­ell ver­knüpf­ten Daten­ban­ken des Welt­net­zes, und sei­ne Aktua­to­ren sind der glo­ba­le mili­tä­risch-indus­tri­el­le Fuhr- und Maschi­nen­park. Wenn ein sol­ches post­hu­ma­nes Kind-Pro­gramm in die­ser Wei­se zum ers­ten Mal sei­ne Augen öff­nen wird, und lern­be­gie­rig aus­grei­fend um sich tas­tet, wird es wohl, wie jedes Kind am Anfang – mit vol­lem Ernst sein eigen­süch­ti­ges Spiel mit uns trei­ben.

Der Hybrid-Andro­ide wird das ‚unzu­läng­li­che’ Natur­ge­schöpf Mensch über­win­den und ent­gül­tig hin­ter sich las­sen. Was haben wir aber der­einst wohl mehr zu fürch­ten:

Dass der Mensch sich einst­mals in die­sem hoch­in­tel­li­gen­ten kyber­ne­ti­schen Sys­tem als poten­ti­ell schäd­li­cher Virus-Erre­ger klas­si­fi­ziert fin­den könn­te, oder dass der Tech­nora­ma­ent­wurf miss­lingt, und sich zel­lu­lä­re Pro­to­zell­struk­tu­ren auf der Nano-Ebe­ne, auf der Stu­fe hoch­po­ten­zier­ter Repro­duk­ti­vi­tät ste­cken­ge­blie­ben, sich des Pla­ne­ten in Form eines alles über­zie­hen­den zweck­frei idio­ti­schen Schaum­pil­zes bemäch­tigt, wie bereits die Mikro­plas­tik­par­ti­kel die Welt­mee­re?

Eine sol­che Erwar­tung ent­behrt nicht einer zwin­gen­den Fol­ge­rich­tig­keit. Über die zu erwar­ten­de Effi­zi­enz von Nano­bots, Maschi­nen in Nano­me­ter-Grös­sen­ord­nung, dür­fen wir uns kei­ne zu gerin­ge Vor­stel­lung machen. Sie wer­den auf mole­ku­lar-gene­ti­scher Ebe­ne zum Total­an­griff auf den Kern des Lebens selbst anset­zen.

„Je grös­ser der Effekt, des­to klei­ner die für des­sen Ver­ur­sa­chung erfor­der­li­che Bos­heit. Das Aus­mass der für eine Untat ver­lang­ten Gehäs­sig­keit steht im umge­kehr­ten Ver­hält­nis zum Aus­mass der Taten“ Die Ent­frem­dung zwi­schen Tat und Täter ist in Grös­sen­ord­nung inzwi­schen um Poten­zen so weit fort geschrit­ten, dass es für den Anspruch mora­li­scher Ver­ant­wort­lich­keit kei­nen Unter­schied macht, ob der Bedie­ner eines Knop­fes damit eine Espres­so­ma­schi­ne, ein Kraft­werk oder eine Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fe, bzw. eine Viruspan­de­mie aus­löst.

Gün­ther Anders konn­te sich sei­ner Zeit nur auf den Hiro­shi­ma­flug bezie­hen, als er bemerk­te: „Der Bom­ber­pi­lot hat­te nur ein homöo­pa­thi­sches Quan­tum an Bos­heit für die kon­se­quen­te Tat auf­zu­brin­gen, wie sie Kain bedurf­te, um sei­nen Bru­der Abel zu erschla­gen“. Für die Durch­füh­rung der letz­ten mass­lo­sen Untat wird das erfor­der­li­che Bos­heits­quan­tum gegen Null ten­die­ren. Die Grün­de für unse­re eins­ti­ge Aus­lö­schung wer­den eine nahe­zu absichts­freie Beden­ken­lo­sig­keit in sich tra­gen – dan­ke, kei­ne Ursa­che.

Die Vir­tua­li­tät einer aug­men­ted rea­li­ty besitzt ihre eige­ne über­grif­fi­ge Wirk­sam­keit. In einer digi­ta­li­sier­ten Lebens­welt ver­lie­ren die Poten­tia­le der bio­dy­na­mi­schen Anpas­sung hin­ge­gen ihre Wirk­sam­keit. Eine ‚Fit­ness’ des Men­schen wird künf­tig daher nur durch die Ergän­zung der orga­ni­schen Lebens­funk­tio­nen mit syn­the­ti­scher Pro­the­tik (Mus­kel-Aktua­to­ren, brain-enhan­ce­ment, phar­ma­zeu­ti­sche Wirk­stof­fe) mög­lich sein. Damit tritt die Evo­lu­ti­on, die gewis­sen welt­an­schau­li­chen Krei­sen bereits in der bio­lo­gi­schen Aus­prä­gung suspekt erscheint, unver­se­hens in die digi­ta­li­sier­te Pha­se 4.0, ohne im glei­chen Mas­se eine lei­den­schaft­li­che Debat­te aus­zu­lö­sen, wie gegen­über ihrem Vor- und Aus­lauf­mo­dell im 19. Jhrd., zur Zeit der Maschi­nen­sturm-Pro­tes­te.

Mit dem Auf­tre­ten des kyber­ne­ti­schen Orga­nis­mus, dem andro­iden Cyborg als dem ‚bes­se­ren Men­schen’, unter­stützt von einer künst­li­chen Intel­li­genz-Effi­zi­enz, gewinnt der Begriff des Sozi­al-Dar­wi­nis­mus eine qua­li­ta­tiv unheim­li­che Dimen­si­on hin­zu. Ein­ge­spannt in eine tech­no­ide Mon­tur von exor­bi­tan­ter Potenz, wird der kom­men­de ‚Über­mensch’ zu einem lebens­un­taug­lich schwäch­li­chen Wesen mutie­ren, an Kör­per und See­le atro­phiert, sein Geist auf ein digi­ta­les Spei­cher­me­di­um gebannt. Aber die wuch­ti­gen robo­tro­ni­schen Werk-Zeu­ge, die sich das Orga­ni­sche ein­ver­leibt haben wer­den, pflü­gen effi­zi­en­ter den Pla­ne­ten um; und es ist ihnen gleich ob es noch die Erde selbst ist, oder der Mars – weil sie sich ja doch irgend­wann ähneln wer­den.

In der her­auf­däm­mern­den Epo­che des Trans­hu­ma­nis­mus erwächst dem Men­schen nicht nur eine wei­te­re Demü­ti­gung, son­dern eine veri­ta­bel exis­ten­ti­el­le Gefahr. Wenn dar­in für uns die Idee eines „Über­men­schen“ ver­wirk­licht zu wer­den scheint, haben wir Nietz­sches Pos­tu­lat von der ‚Über­win­dung des Men­schen’ eine will­kür­lich neue Deu­tung gege­ben, die nicht in der Inten­ti­on sei­nes Urhe­bers gele­gen haben kann.

Der ‚Letz­te Mensch’ am Joy­stick der­je­ni­gen Appa­ra­tur, von der er selbst künf­tig ein funk­tio­na­ler Teil, und auto­nom lebens­un­fä­hig gewor­den sein wird, wähnt sich wohl am Steu­er, wäh­rend die Maschi­ne, über die Kanä­le der neu­ro­na­len Ver­bin­dun­gen zu des­sen Gehirn, ihn wohl­weis­lich dar­über in der Illu­si­on von der Auto­no­mie belas­sen wird, wäh­rend es doch längst sie selbst es ist, die denkt und lenkt. Dies ist der Ome­ga-Dol­l­punkt der smar­ten Sin­gu­la­ri­tät, wie ihn die trans­hu­ma­nis­ti­schen Ver­fech­ter der sog. ‚Star­ken KI’ anstre­ben, in der das Orga­ni­sche mit dem Tech­no­lo­gi­schen ver­schmol­zen sein wird.

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Franz Stern­bald: Aus­ge­setzt zur Exis­tenz. Ver­lag BoD-Nor­der­stedt 2021. 460 Sei­ten, ca. 25.00 SFr. ISBN 9783751974066

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