[EMRAWI:] „Revolutionären Tourismus“ auf Gran Canaria

Begon­nen hat­te die FAGC vor 10 Jah­ren als typi­sche Anar­cho­klein­trup­pe in schwar­zen Kapu­zis bei Kund­ge­bun­gen – und änder­te dann ihre Her­an­ge­hens­wei­se kom­plett.

Das Ergeb­nis: Die „Klein­trup­pe“ und die von ihr ini­tier­te Mieter*innengewerkschaft för­der­te seit­dem die Ent­eig­nung von 400 Lie­gen­schaf­ten, half bei der Wohn­raum­be­schaf­fung für hun­der­te Fami­li­en, inter­ve­nier­te in 1.000 Zwangs­räu­mun­gen, stell­te 10 selbst­ver­wal­te­te Gemein­schaf­ten und zwei Flücht­lings­pro­jek­te auf die Bei­ne, initi­ier­te ein Gesund­heits­netz­werk, meh­re­re aut­ar­ke land­wirt­schaft­li­che Flä­chen und ein Bera­tungs­bü­ro für Prä­ka­ri­sier­te und Sexarbeiter*innen.

Die Gemein­schaf­ten ent­stan­den aus Not und Woh­nungs­lo­sig­keit und nicht als sub­kul­tu­rel­ler Bespa­ßungs­ort einer Anar­cho-Sub­kul­tur. In ihnen woh­nen unter­schied­lichs­te Men­schen und Fami­li­en zusam­men, oft auch zahl­rei­che Kin­der und Min­der­jäh­ri­ge. Gera­de kämp­fen sie um den Erhalt von “La Maris­ma”, einem Pro­jekt mit 70 Bewohner*innen, davon 30 Kin­der – die Caixa Bank will räu­men las­sen. Bei die­sen Leu­ten geht es um ihre Exis­tenz und nicht um einen radi­ka­len Life­style. [Ein­drü­cke: you­tube link: https//t.co/rqcI6I4N0m?amp=1]

Gran Cana­ria ist aber auch ein schö­ner Urlaubs­ort – Son­ne, Strand und Meer. Und so sahen sich die Pro­jek­te der FAGC zuneh­mend mit „revo­lu­tio­nä­ren Tourist*innen“ aus den links­ra­di­ka­len Sze­nen West­eu­ro­pas kon­fron­tiert. 2019 war es dann genug und die FAGC wen­de­te sich gegen die­sen Sze­ne­tou­ris­mus. War­um und wie­so wird jetzt erläu­tert:

„Auf Gran Cana­ria haben wir viel ertra­gen, bis wir „unan­ge­nehm“ wer­den muss­ten. Vie­le Leu­te von der Halb­in­sel, aus Eng­land, Deutsch­land, Ita­li­en, Schwe­den, Grie­chen­land usw. kom­men jeden Som­mer auf die Insel, um uns zu „tref­fen“. Machen sie das, um zu sehen, wie wir arbei­ten, um Ideen aus­zu­tau­schen, an Ver­samm­lun­gen teil­zu­neh­men, ein paar Stun­den zu plau­dern? Eine Min­der­heit. Der Rest kommt wegen etwas ande­rem. Vie­le tau­chen ohne Vor­war­nung auf, schi­cken uns eine E‑Mail oder eine Nach­richt über Sozia­le Netz­wer­ke und kom­mu­ni­zie­ren uns, ohne dass wir sie über­haupt ken­nen: „Wir sind hier“.

Das ers­te, was uns vie­le von ihnen fra­gen, ist „in wel­cher Gemein­schaft wir sie auf­neh­men wer­den“. Es ist schwie­rig, ihnen zu erklä­ren, dass wir kei­ne Immo­bi­li­en­agen­tur sind. Wenn wir ihnen erklä­ren, dass unser „Squatting“-Modell hier anders ist, dass es Sozi­al­woh­nun­gen für Men­schen ohne Res­sour­cen sind, fra­gen sie: „Habt ihr nichts für Rei­sen­de?“. Uns wur­de gesagt, „ob wir nichts Zen­tra­le­res oder Strand­nä­he­res haben“, ob wir „kei­ne Häu­ser mit Ter­ras­se haben“ – dazu Gesicht mit rol­len­den Augen (100% echt).

Die Hal­tung in den Wohn­pro­jek­ten ist nicht viel bes­ser. Die Gemein­schaf­ten, die die FAGC zu errich­ten hilft, sind kei­ne Gemein­schaf­ten „von Anarchist*innen für Anarchist*innen“. Es sind Gemein­schaf­ten von Nach­barn, jeder mit eige­nen Ideen, die ihren Lebens­un­ter­halt so gut wie mög­lich ver­die­nen und die Selbst­ver­wal­tung durch Effi­zi­enz und nicht durch Ideo­lo­gie erfah­ren.

Vie­le „revo­lu­tio­nä­re Tourist*innen“ besu­chen die Gemein­schaf­ten im Sin­ne einer „Safa­ri“. Sie sind empört, wenn sie sehen, wie die Leu­te ihren Lebens­un­ter­halt ver­die­nen, in einer Ver­samm­lung schrei­en, mit Bier in der Hand Fuß­ball schau­en und nicht im idyl­li­schen Arka­di­en leben.

Und das Schlimms­te ist, wenn die „Tourist*innen“ einen „Vor­trag“ begin­nen. Sie zei­gen kei­ner­lei Demut, um Vor­ur­tei­le los­zu­wer­den oder die Leu­te nicht zu be/​verurteilen. „Euro­zen­tris­mus“, „Mora­lis­mus“, „Klas­sen­pri­vi­le­gi­en“ blei­ben erhal­ten. Sie hin­ter­fra­gen die Bewohner*innen – was sie essen, wie sie leben oder wie sie spre­chen – und hin­ter­las­sen ein schreck­li­ches „liber­tä­res“ Bild.

„Du orga­ni­sierst dich schlecht“, „Das ist Cha­os“, „War­um sind Kin­der in den Ver­samm­lun­gen?“, „War­um gibt es hier so jun­ge Müt­ter?“, „War­um hast du so vie­le Kin­der?“, „War­um ver­wen­det ihr Die­sel­mo­to­ren statt Sonnenkollektoren?“,„Warum kaufst du in Ein­kaufs­zen­tren ein?“, „Was essen dei­ne Kin­der?“…

Wenn es für die Nach­barn jemals eine Gele­gen­heit gab, sich für Anar­chis­mus jen­seits der FAGC zu inter­es­sie­ren, so ging sie mit den gan­zen ethi­schen Urtei­len, der Inva­si­vi­tät und der Zen­sur über unse­re viel­fäl­ti­ge, arme, pre­kä­re Rea­li­tät ver­lo­ren.

Es geht den „Tourist*innen“ nicht dar­um, zu tei­len, zu ler­nen, Mei­nun­gen zu dis­ku­tie­ren, Hilfs­werk­zeu­ge anzu­bie­ten oder zu wis­sen, wie man sie emp­fängt. Sie betrei­ben eine Art ideo­lo­gi­schen Kolo­nia­lis­mus, sehr aggres­siv, der sich nicht ändert, egal ob er das ein­ge­kreis­te A, Ham­mer und Sichel oder die Flag­ge des bri­ti­schen Empi­re trägt.

Und manch­mal schau­en sie sich einen Ort an und sagen: „Wie schön! Wir soll­ten hier­her zie­hen.“ Und wir sagen ihnen: „Wisst ihr, war­um die Prei­se in die­ser Gegend immer teu­rer wer­den? Weil Leu­te wie ihr hier­her gezo­gen sind.“ Ideo­lo­gie befreit Sie nicht von Gen­tri­fi­zie­rung.

Wir wol­len nie­man­den belei­di­gen. Wir haben auch gute Erfah­run­gen gemacht und viel gelernt. Aber die Rea­li­tät, über die wir spre­chen, kann nicht igno­riert wer­den. „Tou­ris­ti­fi­zie­rung“ ist es auch, wenn „Revo­lu­tio­nä­re“ Res­sour­cen und Räu­me miss­brau­chen und mit der Men­ta­li­tät von Siedler*innen kom­men.“

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#Ruymán­Li­bertad!!

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