[KgK:] Warum ein Bundesliga-Profi unter falschem Namen gespielt hat

Silas heißt eigent­lich Katom­pa Mvum­pa. Der im Kon­go gebo­re­ne Stür­mer war 2017 zu einem Pro­be­trai­ning eines bel­gi­schen Ver­eins ein­ge­la­den wor­den. Als sein zeit­lich begrenz­tes Visum aus­lief und Silas wie­der in die Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kon­go hät­te rei­sen müs­sen, übte der Spie­ler­be­ra­ter sehr hohen Druck auf ihn aus – unter ande­rem durch die Behaup­tung, dass Silas nach der Rück­rei­se nicht mehr nach Euro­pa ein­rei­sen kön­ne. So schaff­te es der Spie­ler­be­ra­ter, dass Silas sich in sei­ne die tota­le Abhän­gig­keit begab. Der Spie­ler­be­ra­ter beschaff­te Silas die fal­sche Iden­ti­tät und ver­wehr­te ihm den Zugriff zu sei­nem Bank­kon­to und auf sei­ne ech­ten Aus­weis­do­ku­men­te. Der Grund für das Ver­hal­ten des Spie­ler­be­ra­ters ist ein ein­fa­cher: durch die neue Iden­ti­tät ist der poten­zi­ell neue Ver­ein die Ent­schä­di­gungs- oder Ablö­se­zah­lung los und der Bera­ter kann eine höhe­re Pro­vi­si­on errei­chen. Zudem hat er ein Druck­mit­tel gegen Silas. Der aktu­el­le Arbeit­ge­ber von Silas, der VfB Stutt­gart, trifft mit der Beschrei­bung „dem Men­schen­han­del sehr Nahe“ den Nagel auf den Kopf.

Migra­ti­on ist ein ein­ge­plan­ter Teil des Kapi­ta­lis­mus

Silas ist ein Bei­spiel für ein sys­te­mi­sches Pro­blem, über das sehr sel­ten gespro­chen wird: die Deklas­sie­rung der Migrant:innen bei der Ein­rei­se nach Deutsch­land, um die Pro­fi­te der Bour­geoi­sie zu gewäh­ren. Die­se Deklas­sie­rung zeigt ihre Fol­gen auf diver­sen Ebe­nen.

Ein wich­ti­ges Pro­blem der Migra­ti­on ist die feh­len­de Aner­ken­nung von Abschlüs­sen, die im nicht EU-Aus­land erreicht wur­den. Des­halb kommt es immer wie­der vor, dass (höchst) qua­li­fi­zier­te Geflüch­te­te, die ein Stu­di­um oder eine Aus­bil­dung abge­schlos­sen haben, nicht in dem jewei­li­gen Sek­tor arbei­ten kön­nen, da ihre Abschlüs­se nicht akzep­tiert wer­den. Es ist nor­ma­li­siert, dass der Abschluss der Ärzt:innen, die (auch Deut­sche) im Aus­land behan­deln, auf ein­mal nicht genug für das deut­sche Sys­tem sind, sobald sie in Deutsch­land prak­ti­zie­ren wol­len.

Deklas­sie­rung und Pre­ka­ri­sie­rung sind nor­mal. Es sind Stü­cke Papier, die Migrant:innen die Rech­te vor­ent­hal­ten, die deut­sche Staatsbürger:innen haben. Ein­rei­se­be­schrän­kun­gen, Arbeits­ver­bo­te, befris­te­te Auf­ent­hal­te, aber auch aus­ste­hen­de Abschie­bun­gen und büro­kra­tisch Hür­den bei der Bean­tra­gung der deut­schen Staats­bür­ger­schaft beglei­ten den All­tag. Men­schen mit einem Dul­dungs­ti­tel – cir­ca 236 000 – sind in vie­len Fäl­len schon seit Jah­ren in Deutsch­land, dür­fen aber meist nicht Arbei­ten oder ihren Wohn­ort ver­las­sen.

Trotz der Geflüch­te­ten­de­mons­tra­tio­nen und der gesell­schaft­li­chen Unter­stüt­zung haben sehr vie­le Geflüch­te­te nicht das Recht, eine Arbeit aus­zu­üben. Sie wer­den in Lagern fern ab der bür­ger­li­chen Gesell­schaft „ver­steckt“. Sie haben kei­ne Mög­lich­kei­ten, ihr Leben frei zu gestal­ten und sind der Will­kür des deut­schen Staa­tes und sei­ner Abschie­bungs­ma­schi­ne­rie aus­ge­setzt. War­um ist es so? – weil Zusam­men­le­ben und Zusam­men­ar­bei­ten Men­schen näher bringt und den gesell­schaft­li­chen Wider­stand gegen die Abschie­bun­gen wahr­schein­li­cher macht.

Selbst wenn Geflüch­te­te eine Arbeits­er­laub­nis erhal­ten, zwingt sie der Ras­sis­mus im Kapi­ta­lis­mus in die pre­ka­ri­sier­tes­ten Jobs, die meist für ein men­schen­wür­di­ges Über­le­ben kaum aus­rei­chen. So soll­ten zum Bei­spiel Geflüch­te­te die aus­blei­ben­den Ern­te­hel­fer aus Ost­eu­ro­pa, die wegen der Coro­na Maß­nah­men nicht ein­rei­sen konn­ten, erset­zen und damit auch ihr Leben aufs Spiel set­zen. Wofür? Um mög­lichst güns­ti­ge Per­so­nal­kos­ten zu haben und den Gewinn zu maxi­mie­ren.

Dass das Leben von Geflüch­te­ten den deut­schen Staat ziem­lich wenig inter­es­siert, sehen wir immer wie­der. Sei es die Unter­brin­gung, in der ein Schutz vor Coro­na kaum mög­lich ist oder die Zurück­hal­tung von Impf­do­sen, wie es letz­tens in Ber­lin gesche­hen ist.

Es ist jedoch wich­tig zu sagen, dass die Situa­ti­on von Silas und Geflüch­te­ten sehr unter­schied­lich sind. Silas ist zwar Opfer der ras­sis­ti­schen Ein­wan­de­rungs­po­li­tik und der scho­nungs­lo­sen Geld­gier im Pro­fi­fuß­ball gewor­den, er hat aber den­noch Mil­lio­nen auf dem Kon­to, könn­te sich die bes­ten Anwält:innen leis­ten und hat den Rück­halt sei­nes Ver­ei­nes. Geflüch­te­te hin­ge­gen haben kaum finan­zi­el­le Res­sour­cen, um Urtei­le anzu­fech­ten und kei­ne Stim­me in der Gesell­schaft, die für sich spricht, ganz zu schwei­gen davon, dass kaum jemand zuhö­ren wür­de. Daher ist es kon­junk­tu­rell, wer von den Restrik­ti­ons­maß­nah­men der Bour­geoi­sie getrof­fen wird, mal Ärzt:innen, mal Fußballer:innen, aber die Restrik­ti­on der Bour­geoi­sie ist nicht zufäl­lig. Daher unter­stüt­zen wir die For­de­rung, glei­ches Recht für alle Men­schen, die hier leben, um die­se Restrik­tio­nen zu stop­pen.

Klas­se Gegen Klas­se