[LCM:] Wagenknecht: Wer im Stich lässt seinesgleichen

Das vie­le Rich­ti­ge, das man­che der Wagen­knecht­schen Kri­ti­ken ent­hal­ten, schlägt schon durch die Form in der es vor­ge­tra­gen wird, ins Fal­sche um. Die Kri­tik folgt stets dem glei­chen Mus­ter: Ein ums ande­re Mal, wird ein Wider­spruch durch­aus ana­ly­tisch prä­zi­se iden­ti­fi­ziert, nur um die­sen dann auf plat­tes­te Art und Wei­se zu einer Sei­te hin auf­zu­lö­sen. Ein Gast­bei­trag von Adri­an Pauk­s­tat

Der bri­ti­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Colin Crouch beschrieb vor gut zwan­zig Jah­ren die poli­ti­schen Gesell­schaf­ten Mit­tel­eu­ro­pas und Nord­ame­ri­kas als „Post­de­mo­kra­tien“. Die­ser Begriff beschrieb für ihn den demo­kra­ti­schen Ver­fall eines poli­ti­schen Gemein­we­sens, in dem Poli­tik zur kul­tur­in­dus­tri­el­len, über PR-Stra­te­gen und Mas­sen­me­di­en ver­mit­tel­ten Mani­pu­la­ti­on dege­ne­riert, die nur noch Schein­al­ter­na­ti­ven bie­tet, die aber alle­samt der gleich­för­mi­gen Ver­wal­tung soge­nann­ter „Sach­zwän­ge“ ent­spre­chen. Inner­halb die­ser spe­zi­fisch neo­li­be­ra­len Herr­schafts­form spielt, so Crouch: „Die Mehr­heit der Bür­ger […] eine pas­si­ve, schwei­gen­de, ja sogar apa­thi­sche Rol­le, sie reagie­ren nur auf die Signa­le, die man ihnen gibt.“

Die­sen Zustän­den ent­spricht ein spe­zi­fi­sches Bewusst­sein beim Per­so­nal der poli­ti­schen Appa­ra­te. In der Wahr­neh­mung des post­de­mo­kra­ti­schen Berufs­po­li­ti­kers fällt Poli­tik schlecht­hin mit die­ser spe­zi­fi­schen Form der Mas­sen­ma­ni­pu­la­ti­on zusam­men. Poli­ti­sches Han­deln – das Han­nah Arendt einst empha­tisch als das gemein­sa­me Schaf­fen des Neu­en mit ande­ren im poli­ti­schen Raum ver­stand – dege­ne­riert zu einer Art sozio­gra­phisch infor­mier­ter Sozi­al­tech­no­lo­gie, die ratio­nal-mecha­nisch ermit­telt, wel­che Wer­be­phra­sen, mit wel­cher sta­tis­ti­schen Wahr­schein­lich­keit wel­che Reak­tio­nen her­vor­ru­fen, um dann die der­ge­stalt ermit­tel­ten Sprech­bla­sen auf Pla­ka­te zu dru­cken.

Sah­ra Wagen­knechts neu­es­ter Ein­wurf in die inner­lin­ke Stra­te­gie­de­bat­te muss in ers­ter Linie vor dem Hin­ter­grund die­ser Gegen­warts­dia­gno­se gele­sen wer­den. Denn bei allem Bohei um die pri­vi­le­gier­ten Aka­de­mi­ker­kin­der die ‚uns‘ mit ‚ihren‘ Sprach­ver­re­ge­lun­gen trak­tie­ren, den Natio­nal­staat abschaf­fen und mit „bizar­ren“ homo‑, bi‑, trans- und weiß­der­teu­fel­was­für-sexu­el­len Aner­ken­nungs­for­de­run­gen ner­ven, bleibt ein – durch­aus pri­vi­le­gier­ter – Klas­sen­stand­punkt näm­lich eigen­tüm­lich unter­re­flek­tiert: der von Wagen­knecht selbst.

Das Poli­tik­ver­ständ­nis das ihrem Buch zugrun­de liegt, ist das des pro­to­ty­pi­schen post­de­mo­kra­ti­schen Berufs­po­li­ti­kers. Aus nach­ge­ra­de jedem Satz springt einem das Kal­kül ent­ge­gen, mit den rich­ti­gen Phra­sen die rich­ti­gen Res­sen­ti­ments beim Wahl­volk zu trig­gern, um letz­te­res zur Stimm­ab­ga­be in sei­nem Sin­ne zu bewe­gen. Auf­fal­lend daher auch die aus­ufernd sozio­gra­phi­sche und wahl-sta­tis­ti­sche Natur der Argu­men­ta­ti­on in Wagen­knechts Buch und der Debat­ten dar­über in den sozia­len Medi­en, in der das „Wäh­ler gewin­nen“, Wagen­knechts „Beliebt­heit“ und die diver­sen kul­tur­in­dus­tri­el­len Mani­pu­la­ti­ons­stra­te­gien die dies impli­ziert, stets zum Tod­schlag­ar­gu­ment gegen­über allem Inhalt­li­chen mutie­ren.

Sel­ten in der Geschich­te der Lin­ken wur­de poli­ti­sche Mobi­li­sie­rung als der­ma­ßen plum­pe Auf­for­de­rung einer impli­zit als pas­siv vor­ge­stell­ten Mas­se an soge­nann­ten „ein­fa­chen Leu­ten“ nach dem Mund zu reden, ver­stan­den, wie Wagen­knecht es offen­sicht­lich im Sin­ne hat. Schon der, gewiss aller ‚links­li­be­ra­len‘ Umtrie­be gänz­lich unver­däch­ti­ge, Vla­di­mir Lenin war der Mei­nung, dass das spon­ta­ne Bewusst­sein des Pro­le­ta­ri­ats nur zum refor­mis­ti­schen Tra­de-Unio­nis­mus rei­che und es ist schwer­lich vor­stell­bar, dass his­to­ri­sche Eman­zi­pa­ti­ons­for­de­run­gen die heu­te zum klas­si­schen Kanon lin­ker Tra­di­ti­ons­pfle­ge gehö­ren, wie bei­spiels­wie­se das Frau­en­recht­wahl­recht aus dem spon­ta­nen Bewusst­sein der Koh­le­kum­pels und Metall­ar­bei­ter gleich­sam emer­giert wären, hät­ten nicht ein paar pri­vi­le­gier­te Intel­lek­tu­el­le ihnen die­se bizar­ren Min­der­hei­ten­for­de­run­gen als ihre urei­ge­nen Inter­es­sen nahe­ge­legt. Ganz im Gegen­teil, die ers­ten Gewerk­schaf­ten und Arbei­ter­ver­ei­ne spra­chen sich gegen das Frau­en­wahl­recht aus, erst unter dem Ein­fluss der Schrif­ten Bebels und Engels änder­te sich dies in den 1880er Jah­ren.

Der Punkt hier­bei ist nicht, eine Art Phi­lo­so­phen­kö­nig­tum der Links­in­tel­lek­tu­el­len zu recht­fer­ti­gen oder neue Avant­gard­e­theo­rien zu spin­nen, son­dern ganz ein­fach die Tat­sa­che, dass sich revo­lu­tio­nä­res (oder auch nur halb­wegs pro­gres­si­ves) Bewusst­sein, wo auch immer es ent­stand, stets in einem dia­lek­ti­schen Pro­zess der wech­sel­sei­ti­gen Durch­drin­gung von Intel­lek­tu­el­len und sub­al­ter­nen Klas­sen gebil­det hat. Das bedeu­tet vor allem: In Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ande­ren. Wagen­knechts Argu­ment zielt jedoch dar­auf ab, die­se Aus­ein­an­der­set­zung gera­de zu unter­bin­den, die lin­ke Intel­li­gen­zi­ja durch­ge­hend als Feind­bild auf­zu­bau­en, und sich statt­des­sen illu­sio­nä­ren Unmit­tel­bar­keits­vor­stel­lun­gen über das was den „klei­nen Mann wirk­lich bewegt“ hin­zu­ge­ben. Was hier nach dem Mus­ter kul­tur­in­dus­tri­el­ler Mani­pu­la­ti­on, die in glei­cher Wei­se von sich selbst glaubt, den Mas­sen doch nur zu geben was die­se ver­lang­ten, pro­du­ziert wird, ist nicht mehr als das kol­lek­ti­ve Kochen im eige­nen Saft. Die Rede vom „Die Leu­te da abho­len wo sie ste­hen“ hat durch­aus ihre Berech­ti­gung, nur wür­de letz­te­res impli­zie­ren dann auch irgend­wo mit Ihnen hin­zu­ge­hen. Wagen­knecht möch­te sich nur dazu­stel­len und ste­hen­blei­ben. Dem­entspre­chend fehlt in ihrem Buch, das sich pha­sen­wei­se liest, als hät­te die Autorin einen Kata­log plum­per Res­sen­ti­ments buch­stäb­lich abge­ar­bei­tet, kein plat­ter All­ge­mein­platz, solan­ge er nur nied­ri­ge Instink­te evo­ziert. Von den hys­te­ri­schen Wei­bern, mit denen man jetzt nicht mehr flir­ten darf, bis zu den Stu­den­ten die erst­mal arbei­ten gehen sol­len.

Aus­ein­an­der­set­zung hin­ge­gen wür­de zuvor­derst bedeu­ten, zu reflek­tie­ren, dass Intel­lek­tu­el­le und sub­al­ter­nen Klas­sen in einer ähn­li­chen Bezie­hung zuein­an­der ste­hen, wie Kant dies einst über Anschau­ung und Begriff for­mu­liert hat: Die rei­ne sub­al­ter­ne Repres­si­ons- und Herr­schafts­er­fah­rung ist eben­so blind, wie die rei­nen Begrif­fe der Intel­li­gen­zi­ja leer sind. Da wo die Lin­ke erfolg­rei­che Stra­te­gien sozia­ler Hege­mo­nie ent­wi­ckelt hat, tat sie dies stets in einer Form, in der sich die­se Milieus (und damit Anschau­ung und Begriff) orga­nisch durch­drun­gen. Die kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gun­gen Ita­li­ens und Frank­reichs ent­wi­ckel­ten ihre Hege­mo­nien, weil sich der Kol­le­ge am Band bei Peu­geot oder Fiat und Jean-Paul Sart­re oder Pier Pao­lo Paso­li­ni glei­cher­ma­ßen als Teil einer kämp­fen­den Bewe­gung ver­stan­den. Über­all wo die­se Kämp­fe zu Erfol­gen führ­ten, bestand einer ihrer unab­ding­ba­ren Tei­le im Bei­trag der Träu­mer, Den­ker, Dich­ter, der wur­zel­lo­sen Kos­mo­po­li­ten und Hand­lungs­rei­sen­den der Welt­re­vo­lu­ti­on. Es waren stets kon­ser­va­ti­ve Spal­tungs­kam­pa­gnen die die­se Bünd­nis­se, im Rekurs auf wahl­wei­se anti­in­tel­lek­tu­el­le, katho­li­sche, oder natio­na­lis­ti­sche Res­sen­ti­ments auf­bra­chen. Und zwar in nicht unähn­li­cher Wei­se wie auch Wagen­knecht gegen die lin­ken Aka­de­mi­ker gif­tet.

Groß­ar­tigs­tes Bei­spie­le für eine sol­che Syn­the­se ist die von Wagen­knecht selbst ver­höhn­te Revol­te 1968, die in Frank­reich immer­hin dazu führ­te, dass ein Bünd­nis aus Stu­die­ren­den und Arbei­tern Charles de Gaul­le aus dem Land gejagt und die herr­schen­de Klas­se dazu gebracht hat­te, den Strei­ken­den eine Erhö­hung des Min­dest­lohns um 35% anzu­bie­ten. Aus­gangs­punkt des Pari­ser Mai war übri­gens zunächst die – im bes­ten Sin­ne „life­style-lin­ke“ – For­de­rung der Stu­den­ten nach „unge­hin­der­tem Zugang zu den Mäd­chen-Wohn­hei­men“. Am Anfang stan­den also ganz und gar kei­nen ‚sozi­al-lin­ken‘ Bedürf­nis­se und am Ende zwar nicht die erhoff­te Revo­lu­ti­on, aber den­noch prä­ze­denz­lo­se Errun­gen­schaf­ten fran­zö­si­scher Arbeits­kämp­fe. List der Ver­nunft, hät­te Hegel gesagt.

Nach­ge­ra­de frech wird es, wenn Wagen­knecht erfolg­rei­che Bei­spie­le lin­ker Samm­lungs­be­we­gun­gen als Kron­zeu­gen für sich selbst auf­ruft. Hat schon die Stra­te­gie Labours unter Jere­my Cor­byn rein Gar­nichts mit dem was Wagen­knecht pro­pa­giert gemein, wird der Ver­gleich voll­ends absurd, wenn sie aus­ge­rech­net Ber­nie San­ders als Stell­ver­tre­ter des pro­gres­si­ven Flü­gels der Demo­kra­ten her­an­zi­tiert. Haben doch San­ders, Oca­sio-Cor­tez und die ande­ren ame­ri­ka­ni­schen Sozialist*innen ihre seit den Tagen Roo­se­velts prä­ze­denz­lo­sen poli­ti­schen Sie­ge für die Lin­ke – wie die zuletzt durch­ge­setz­te Erhö­hung des Min­dest­lohns auf 15 Dol­lar – aus Basis einer Stra­te­gie ein­ge­fah­ren, die in nahe­zu allen Punk­ten das dia­me­tra­le Gegen­teil von dem ist, was Wagen­knecht vor­schlägt. „Defund the Poli­ce!“, statt mehr Poli­zei, „Abolish ICE!“ (das Exe­ku­tiv­or­gan der Ein­wan­de­rungs­be­hör­de) statt natio­na­le Wohl­stands­ver­wah­rung. In einem Satz: Soli­da­ri­tät von unten statt Ent­so­li­da­ri­sie­rung. Trump selbst, für Wagen­knecht leben­der Beleg für die Kon­se­quen­zen laxer lin­ker Migra­ti­ons­po­li­tik, hat den Demo­kra­ten kra­chen­de Nie­der­la­gen auf­grund die­ser For­de­run­gen pro­phe­zeit. Das Gegen­teil war der Fall, Trump ist Geschich­te und bei­de Kam­mern des Kon­gres­ses sind, auch und vor allem dank Wahl­sie­gen pro­gres­si­ver Demokrat*innen in demo­kra­ti­scher Hand. Brei­te, soli­da­ri­sche Bünd­nis­se von unten sind mög­lich und wirk­sam. Viel­leicht auch des­we­gen, weil eine ihrer Gali­ons­fi­gu­ren, Alex­an­dria Oca­sio-Cor­tez, ihre „Beliebt­heit“, nicht aus einem von PR-Spe­zia­lis­ten pro­du­zier­ten Per­so­nen­kult bezieht, son­dern der Tat­sa­che, dass sie, eine ehe­ma­li­ge Kell­ne­rin aus der Bronx, im bes­ten Sin­ne „Toch­ter ihrer Klas­se“ ist.

Auch die migra­ti­ons­po­li­ti­schen Punk­te schei­nen mehr Nebel­ker­ze als ernst­ge­mein­tes Argu­ment. Die plum­pe Iden­ti­fi­ka­ti­on: Neo­li­be­ra­lis­mus = Grenz­öff­nung, pro­vo­ziert die Fra­ge war­um dann That­cher und Rea­gan eigent­lich nicht den Natio­nal­staat abge­schafft haben? His­to­risch ent­spricht dem Kapi­ta­lis­mus auch und gera­de in sei­ner neo­li­be­ra­len Form näm­lich weder kate­go­ri­sche Öff­nung noch Schlie­ßung der Gren­zen, son­dern eher das was Michel Fou­cault eine Gou­ver­ne­men­ta­li­sie­rung der Migra­ti­on nen­nen wür­de: Erra­ti­sche und will­kür­lich-ras­sis­ti­sche Regu­la­ti­ons­me­cha­nis­men wur­den schritt­wei­se durch ein sich an den Ver­wer­tungs­im­pe­ra­ti­ven des Kapi­tals aus­rich­ten­des fle­xi­bles „Manage­ment“ ersetzt. Kate­go­ri­sches Grenz­öff­nen ist nicht, war noch nie und wird nie­mals im Inter­es­se des Staats als ideel­len Gesamt­ka­pi­ta­lis­ten sein, bes­ten­falls zeit­wei­se im Inter­es­se sehr spe­zi­fi­scher Kapi­tal­frak­tio­nen.

Wor­auf Wagen­knecht hier sehr viel eher abzu­zie­len scheint, ist, bei Wah­rung des bür­ger­li­chen Ton­falls, unter der Hand die Anschluss­fä­hig­keit an Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien a la „Gro­ßer Aus­tausch“ zu son­die­ren. Zusam­men mit den kate­go­ri­schen ver­ba­len Angrif­fen auf Geflüch­te­ten­in­itia­ti­ven wird so die Schein­al­ter­na­ti­ve zwi­schen real­po­li­tisch-ver­nünf­ti­ger Migra­ti­ons­po­li­tik einer­seits, und den Wol­ken­ku­ckucks­hei­men der links­li­be­ra­len Gut­men­schen ande­rer­seits kon­stru­iert. Gera­de so als gin­ge es bei Moria und dem Mas­sen­grab Mit­tel­meer um irgend­wel­che Uto­pien uni­ver­sel­ler Bewe­gungs­frei­heit, statt um das nack­te zivi­li­sa­to­ri­sche Mini­mum. Wagen­knecht schafft es hier­bei rhe­to­risch geschickt, tat­säch­li­che Bau­stel­len lin­ker Migra­ti­ons­po­li­tik, mit Fra­gen aku­ter Not­hil­fe zu ver­men­gen, was es ihr erlaubt das undif­fe­ren­zier­te Gesamt­ur­teil „Gren­zen dicht!“ zu tref­fen. Denn weder die Not­wen­dig­keit geziel­te­rer Hil­fe vor Ort, noch eine ande­re Ent­wick­lungs­hil­fe­po­li­tik, noch die Been­di­gung des geziel­te Abwer­bens von Fach­kräf­ten aus Ost­eu­ro­pa, könn­ten kurz­fris­tig etwas an der unmit­tel­ba­ren Not­wen­dig­keit siche­rer Flucht­we­ge ändern. Bezeich­nen­der­wei­se wird das Grenz­re­gime der EU (alles ande­re als ein Shan­gri-La der Bewe­gungs­frei­heit) oder die schmut­zi­gen Deals mit Erdo­gan und den liby­schen Ban­den mit kei­ner Sil­be erwähnt.

Eines ist rich­tig: Geflüch­te­ten die Gren­zen zu öff­nen ist kein eman­zi­pa­to­ri­sches Ziel an sich, son­dern pre­kä­rer Not­be­helf in einer Welt­ge­sell­schaft die Geflüch­te­te her­vor­bringt. Brain-Drain ist ein rea­les Pro­blem (gera­de eman­zi­pa­to­ri­sche Pro­jek­te wie Roja­va kön­nen ein Lied davon sin­gen) und das aggres­si­ve Abwer­ben von Fach­kräf­ten in Ost­eu­ro­pa, ein tat­säch­lich stief­müt­ter­lich behan­del­tes The­ma in der Lin­ken. Dar­an muss auch so man­cher erin­nert wer­den, der zur Roman­ti­sie­rung von Migra­ti­on neigt – wobei die gro­ße Mehr­heit der­je­ni­gen die tat­säch­lich on the ground in die­se Kämp­fe invol­viert sind, die­se Nei­gun­gen sicher deut­lich weni­ger ent­wi­ckeln.

So ver­hält es sich mit die­ser Kri­tik, wie mit nahe­zu allen ande­ren Kri­tik­punk­ten an der eige­nen poli­ti­schen Bewe­gung. Das vie­le Rich­ti­ge das man­che der Wagen­knecht­schen Kri­ti­ken ent­hal­ten, schlägt schon durch die Form in der es vor­ge­tra­gen wird, ins Fal­sche um. Die Kri­tik folgt stets dem glei­chen Mus­ter: Ein ums ande­re Mal, wird ein Wider­spruch durch­aus ana­ly­tisch prä­zi­se iden­ti­fi­ziert, nur um die­sen dann auf plat­tes­te Art und Wei­se zu einer Sei­te hin auf­zu­lö­sen. Femi­nis­ti­sche, post­ko­lo­nia­le oder ras­sis­mus­kri­ti­sche Dis­kur­se kön­nen dazu bei­tra­gen, Klas­sen­un­ter­schie­de zu ver­wi­schen und der herr­schen­den Klas­se einen regen­bo­gen­far­be­nen Anstrich zu ver­pas­sen? Ok, dann weg damit. Die­ses Mus­ter wird Kapi­tel für Kapi­tel, Bewe­gung für Bewe­gung stur durch­de­kli­niert, bis man beim kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner gelan­det ist: Der klei­ne deut­sche Mann, des­sen Befind­lich­kei­ten ähn­lich abso­lut gesetzt wer­den, wie in ande­ren Krei­sen das Sakri­leg als Weiße*r Dre­ad­locks zu tra­gen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass jede der kri­ti­sier­ten Bewe­gun­gen ihre blin­den Punk­te hat: Migran­ti­sche Kämp­fe sind nicht not­wen­di­ger­wei­se Arbeits­kämp­fe, Aner­ken­nungs- nicht not­wen­di­ger­wei­se Umver­tei­lungs­for­de­run­gen. Schlech­tes­ten falls kann eines gegen das ande­re aus­ge­spielt wer­den. Und Wagen­knecht macht genau das. Soli­da­ri­sche Kri­tik wür­de dar­auf reagie­ren, indem sie ver­sucht die Wider­sprü­che zwi­schen die­sen zu ver­mit­teln, statt im Schie­len auf Wahl­er­geb­nis­se for­cier­te Ent­so­li­da­ri­sie­rung zu betrei­ben. Genau hier befin­det sich die Achil­les­seh­ne der Argu­men­ta­ti­on Wagen­knechts. Die alles ver­bin­den­de Grund­the­se, näm­lich dass die­se Kämp­fe nicht wider­sprüch­li­che Bezü­ge auf­ein­an­der auf­wei­sen, son­dern schlech­ter­dings unver­ein­bar wären, ver­stellt den Blick für pro­gres­si­ve Poten­zia­le. Ein Bei­spiel hier­für wäre das The­ma poli­ti­scher Islam. Ant­wort hier­auf müss­te die Stär­kung von Struk­tu­ren pro­gres­si­ver migran­ti­scher Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on sein, die in Form vor allem der tür­ki­schen Lin­ken und der kur­di­schen Bewe­gung eine lan­ge Tra­di­ti­on in Deutsch­land haben und an vie­len Orten buch­stäb­lich die ein­zi­gen lebens­welt­lich fest ver­an­ker­ten Gegen­kul­tu­ren zum isla­mis­ti­schen Milieu in migran­ti­schen Gesell­schaf­ten dar­stel­len. Nicht nur wer­den die­se Struk­tu­ren nicht unter­stützt, sie wer­den aktiv kri­mi­na­li­siert. Für die­se Poten­zia­le muss aller­dings blind blei­ben, wer die Pro­ble­ma­tik aus­schließ­lich in Kate­go­rien von deut­scher Mehr­heits­ge­sell­schaft und mus­li­mi­scher Min­der­heit betrach­tet.

Hier schließt sich der Kreis am Aus­gangs­punkt des basa­len Poli­tik­ver­ständ­nis­ses. Denn die Ver­mitt­lun­gen die­ser Wider­sprü­che sind kein from­mer Wunsch. Fak­tisch wer­den sie jeden Tag voll­zo­gen, auf der Stra­ße, in den Betrie­ben, an den Uni­ver­si­tä­ten. Und zwar von den­je­ni­gen die tat­säch­lich an der Basis in die­se Kämp­fen invol­viert sind, anstatt durch Talk­shows zu tin­geln. Ob Ver­di und Fri­days for Future gemein­sa­me Streik­ak­tio­nen orga­ni­sie­ren, lin­ke Think­tanks sich Kon­zep­te für eine sozi­al-öko­lo­gi­sche Wen­de über­le­gen, Black Lives Mat­ter und Gewerk­schaf­ten die poten­zia­le anti-ras­sis­ti­scher Sozi­al­po­li­tik aus­lo­ten, oder sich im Zuge des Ter­ror­an­schlags von Hanau über­all in Deutsch­land Migran­ti­fa-Struk­tu­ren bil­den, die zu bemer­kens­wer­ten Samm­lungs­be­we­gun­gen für eine neue Genera­ti­on tür­ki­scher, kur­di­scher, ara­bi­scher und jüdi­scher Genoss*innen wur­den.

Die neo­li­be­ra­le Gesell­schaft par­zel­liert, ver­ein­zelt, ver­einsamt die poli­ti­schen Sub­jek­te. Und ja, auch manch popu­lä­re Schwund­form Fou­cault­scher Theo­re­me mag dar­an ihren Anteil haben. Wagen­knecht stellt aller­dings die­sen „Iden­ti­täts­po­li­ti­ken“, ledig­lich ihre eige­ne an die Sei­te. Die Bedeu­tung von Soli­da­ri­tät wäre es, die­se zu über­win­den. Die­se kann nur von unten geschaf­fen wer­den. Demo­kra­tie braucht in der Tat einen Demos, ein „Wir“, wie es sich im „We, the peop­le“ der ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung arti­ku­liert. Nicht zufäl­lig beginnt wohl auch der Gesell­schafts­ver­trag von Roja­va, eben­so wie die Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung Viet­nams mit die­sen Wor­ten. Von oben zusam­men­ge­hal­ten wer­den aber kann die­ser Demos nur durch Mani­pu­la­ti­on und Appell ans Res­sen­ti­ment. Von unten ent­steht er in den eman­zi­pa­to­ri­schen Bezü­gen der Bewe­gun­gen und poli­ti­sche Sub­jek­te auf­ein­an­der, die nie­mals kon­flikt­frei sein kön­nen, eben weil ihre Bezie­hun­gen aus den Kämp­fen selbst erwach­sen. Eine sol­che, nen­nen wir sie – auch der augen­zwin­kern­den Pro­vo­ka­ti­on hal­ber – in Anleh­nung an Der­ri­da, „kom­men­de“ Gemein­schaft, ent­steht nicht in Anru­fung essen­tia­lis­ti­scher Iden­ti­tä­ten, son­dern in den poli­ti­schen Hand­lun­gen, buch­stäb­lich in den Kämp­fen selbst. Ihr Inhalt ist nicht pas­si­ve Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Gege­be­nen und als gemein­sam Vor­ge­stell­ten, son­dern Wet­te auf die Zukunft im Medi­um des poli­ti­schen Kamp­fes. So könn­te Ger­hard, der bei Opel am Band steht und die gen­der­quee­re Trans­ak­ti­vis­tX viel­leicht fest­stel­len, dass ihre jewei­li­gen For­de­run­gen und Bedürf­nis­se nur sehr, sehr wenig mit der Lebens­welt des jeweils ande­ren zu tun haben, aber, dass sie das auch nicht müs­sen. Es genügt das Ver­spre­chen für den jeweils ande­ren zu kämp­fen, wenn er für einen selbst kämpft. Die­se Gemein­schaft ist nicht im prä­sen­ti­schen Sin­ne ein­fach vor­han­den, sie wird aber prä­fi­g­u­riert in den sie begrün­den­den Kämp­fen. Sie wird auto­nom geschaf­fen, nicht hete­ro­nom ver­ord­net. Dar­in bestün­de im eman­zi­pa­to­risch-poli­ti­schen Sin­ne der eigent­li­che Gehalt der berühm­ten Wor­te eines gro­ßen Phi­lo­so­phen, über den Wagen­knecht vor sehr lan­ger Zeit ein­mal ihre Magis­ter­ar­beit schrieb und an den man sie viel­leicht erin­nern soll­te: „Sie aner­ken­nen sich als gegen­sei­tig sich aner­ken­nend.“

# Titel­bild: public domain

Der Bei­trag Wagen­knecht: Wer im Stich lässt sei­nes­glei­chen erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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